Fr, 15. Dezember 2017

Nach der Amokfahrt:

18.07.2015 14:46

"Das macht einen echt fertig!"

Eigentlich wollte sich die Grazer Chirurgin Freyja-Maria Smolle-Jüttner mit ihrer Familie einen schönen Samstag in der Grazer Innenstadt machen, und gemeinsam zu Mittag essen. Ihr jüngstes Kind hatte gerade die Matura bestanden. Aber es kam anders. Denn dieser Tag war der 20. Juni 2015. Der Tag der Amokfahrt in Graz! Die Chirurgin steht stellvertretend für all die Ärzte und "normalen" Menschen, die spontan geholfen haben. Ihnen sei zugerufen: Danke!

"Wir sind gerade die Sackstraße hinunter spaziert, als wir einen aufheulenden Motor gehört haben", erzählt Smolle-Jüttner. Sie ist Abteilungsvorständin für Thoraxchirurgie und Hyperbare Chirurgie im LKH-Graz. "Ich dachte zuerst, dass es sich um einen Formel-1-Boliden handelt, Spielberg präsentierte sich ja auf dem Grazer Hauptplatz." Neugierig ging die Familie in Richtung Hauptplatz – und begriff erst nicht, was dort geschehen war.

"Das macht einen fertig"
Auf dem Bim-Gleis vor dem Weikhard lag ein verletzter Mann, umringt von Helfern. Smolle-Jüttner eilte hinzu. "Ich dachte erst an einen Bim-Unfall." Der Mann war am Bein verletzt, hatte Brandwunden an den Händen und keinerlei Erinnerung, was mit ihm geschehen war. – Später stellte sich heraus: Er war im Café Muhr gesessen und vom Amoklenker viele Meter mitgeschleift worden – daher auch die Brandwunden.

Ohne Werkzeug
Smolle-Jüttner: "Es waren schon zwei Ärzte bei dem Verletzten, einer hatte zufällig eine Infusion dabei, ein echtes Glück." Als Top-Chirurgin waren ihr in dieser Situation dennoch die Hände gebunden: "Es macht einen fertig, wenn man weiß, was zu tun wäre, aber kein Werkzeug dabei hat."

Was kann man also machen in so einer Situation? "Die Betroffenen richtig lagern, den Status Quo der Verletzung erheben und weitergeben, das beschleunigt die Hilfe im Spital. Und man kann die Verletzten beruhigen, ihnen gut zureden. Das ist enorm wichtig, und das kann jeder tun."

Smolle-Jüttners Mann, er ist Rektor der Med-Uni-Graz, und zwei ihrer Kinder (drei ihrer vier Kinder sind angehende bzw. fertige Mediziner) eilten in die Herrengasse, um zu helfen, denn mittlerweile war klar geworden, welch entsetzliche Szenen sich dort abgespielt hatten. Viele andere Ärzte halfen ebenfalls – es war ja Samstag. Glück im Unglück nennt man das.

Smolle-Jüttner eilte ins LKH – und mit ihr zahlreiche Kollegen, die frei hatten und von der Amokfahrt gehört hatten. Und noch ein Mal Glück im Unglück: Im Haus war eine Tagung von Narkoseärzten – die geballte Kompetenz für die vielen Unfallopfer, die kamen, war also schon da.

Täglich Dramatik
Smolle-Jüttner erzählt ganz ruhig und sachlich, wie die Verletzten nach der Schwere ihrer Verletzungen "gereiht" wurden, dass sie, weil man die Namen noch nicht kannte, erst Nummern bekamen. Dass die Verletzungen für sie leider zum Alltag gehören und für sie nichts Außergewöhnliches seien. Ihre Ruhe erstaunt den Laien – und beruhigt, denn wer will schon an einen Arzt geraten, der beim Anblick einer schweren Verletzung die Nerven wegschmeißt. Smolle-Jüttner ist sicher, dass jeder Arzt in einer Situation wie jener nach der Amokfahrt in der Grazer Innenstadt ruhig bleiben und das Richtige tun würde.

Das Absurde
Und: "Die Öffentlichkeit weiß ja nicht, welche Dramatik es bei uns oft gibt. Wir haben oft leider mit noch viel schlimmeren Verletzungen zu kämpfen als an diesem Samstag." Die Amokfahrt an sich nimmt die Chirurgin mit: "Es ist das Absurde an dieser Tat, dieses völlig Sinnlose, das einen so sehr verstört."

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