Mi, 13. Dezember 2017

"Kuh nicht vom Eis"

13.07.2015 12:22

Deutsche Wirtschaft kritisiert Deal mit Athen

Nach der Einigung mit Griechenland am Euro-Gipfel in Brüssel kommt aus der deutschen Wirtschaft scharfe Kritik am Schuldendeal. "Das ist Insolvenzverschleppung", sagte am Montagvormittag etwa der Präsident des Verbandes der Familienunternehmer, Lutz Goebel (rechts im Bild). Und auch der Boss des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hält es für verfrüht, "die Einigung als einen Erfolg anzusehen".

"Die europäischen Steuerzahler werden wieder einmal genötigt, für viel Geld ein bisschen Zeit zu erkaufen", sagte Goebel gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. "Das ist Insolvenzverschleppung. Griechenland wird seine Schulden nie zurückzahlen können. Es wird nur weiteres Geld ins Feuer geworfen." Jeder Bürger müsse für einen Kredit Sicherheiten oder Liquidität nachweisen. "Griechenland kann das kaum und bekommt trotzdem Milliarden", so Goebel. "Keine private Bank würde sich darauf einlassen."

Und auch DIW-Präsident Marcel Fratzscher sieht den Schuldenstreit mit Athen trotz der Verständigung auf ein neues Hilfsprogramm noch lange nicht gelöst. "Es wäre verfrüht, die Einigung als einen Erfolg anzusehen", sagte er am Montag in Berlin. "Es ist lediglich ein erster Schritt, die wirtschaftliche Abwärtsspirale Griechenlands aufzuhalten."

"Die Kuh ist noch nicht vom Eis"
Ökonomen von deutschen Banken sehen das ähnlich. "Die Kuh ist nicht vom Eis, aber das Eis ist dicker geworden", sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. "Es wird nicht leicht sein, diese Einigung umzusetzen - insbesondere für die griechische Seite." Denn, so Schmieding: "Das ist nahezu das Gegenteil dessen, was Ministerpräsident Alexis Tsipras seinen Wählern im Jänner und beim Referendum versprochen hatte."

Sein Kollege Jürgen Michels von der BayernLB hält das Risiko eines Euro-Abschieds von Griechenland nach wie vor für größer als die Chancen für einen Verbleib in der Währungsunion. "Dieser Gipfel hat den 'Grexit' jetzt verhindert", sagte der Chefvolkswirt. "Aber es wird unglaublich schwer sein, die genannten Sofortmaßnahmen wie auch die folgenden Reformen in Griechenland durchzusetzen. Die Folgerung daraus lautet: 'Grexit' nicht heute, aber später."

Negative Folgen für Währungsunion?
Der Wirtschaftswissenschaftler Henrik Enderlein befürchtet negative Folgen für die Währungsunion. "Die Art, wie der 'Grexit' abgewendet wurde, ist sicherlich keine gute", sagte der Direktor des Jacques-Delors-Instituts in Berlin zu Reuters TV. "Denn es hat zu einer Eskalation in Europa geführt." Solche Konflikte sollten im Kern eines so wichtigen politischen Projekts eigentlich nicht mehr vorkommen. "Ich bin tief enttäuscht von allen Seiten, dass man einen solchen Kampf, eine solche Eskalation in einer Situation entstehen lassen hat, in der ein kühler Kopf, Nüchternheit vielleicht bessere Berater gewesen wären als Hitzigkeit."

Die 19 Staats- und Regierungschefs der Eurozone hatten Montagfrüh eine Pleite Griechenlands vorerst abgewendet. Nach einer 17-stündigen Marathonsitzung einigten sie sich in Brüssel auf die Umrisse eines neuen, dritten Hilfsprogramms.

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