Fr, 15. Dezember 2017

Dolce "fahr" niente

09.07.2015 21:58

Neuer Fiat 500: Näher dran am Original denn je

Normalerweise entwickeln sich Retro-Autos mit jeder Überarbeitung weiter vom Original weg. Anders der Fiat 500: Der "Cinquino", wie sie den "Cinquecento" in seiner Heimat Turin liebevoll nennen, wurde nach acht Jahren Bauzeit grundlegend aufgefrischt und ist seinem 1957 geborenen Urahn näher denn je. Jedenfalls optisch.

Dazu trägt vor allem die neue Front mit ihrer zusätzlichen Chromleiste bei. Schaut man den Neuen an, fragt man sich, ob er nicht immer schon so ausgeschaut hat. Sieht man ihn im Vergleich zum Vorgänger, fragt man sich hingegen, warum Fiat ihn nicht schon immer so gebaut hat. Ja, so gehört das.

Die Seitenlinie bleibt praktisch unverändert, trotz um 2,5 cm auf 3,57 m gewachsener Gesamtlänge; unverändert auch der Radstand (2,70 m). Am Heck fallen vor allem die neuen Leuchten auf: Sie sind als trapezförmige Ringe ausgeführt, die eine kleine Fläche in Wagenfarbe umschließen. Ihre Form ist den Umrissen der Heckansicht nachempfunden. Sophisticated. Trotzdem schade um die alten, in ihrer Schlichtheit sehr stimmigen Schlusslichter.

Wie sehr man im Detail am Design gefeilt hat, zeigt etwa der untere Kühlergrill, der in der der Topversion Chromelemente wie der Diamant-Kühlergrill von Mercedes-Benz hat. Oder das serienmäßige LED-Tagfahrlicht in Form der Nuller aus dem "500"-Schriftzug.

Italienisch wie Gelati, Chianti und Pizza
Der neue Fiat 500 ist italienisch im allerbesten Sinne, weckt Erinnerungen an Urlaube als Kind mit den Eltern, selbst bei Menschen, die heute schon selbst Eltern oder gar Großeltern sind. Schließlich hat der historische "Nuova 500", der am 4. Juli 1957 vorgestellt wurde, mit fast 3,8 Millionen Exemplaren praktisch im Alleingang Italien mobilisiert, wie bei der emotional gestalteten Präsentation des aktuellen Modells im historischen Fiat-Werk in Turin/Lingotto stolz betont wird. Damals musste er stärker sein als seine "Freunde" Vespa und Lambretta, heute sind die Ansprüche deutlich höher - und natürlich auch der Preis.

Der lässt als Hauptziel nicht Massenmobilisierung als Hauptziel vermuten, kostet doch schon die Basisversion Pop (übrigens unveränderte) 12.650 Euro. Ledersitze von Poltrona Frau, topmoderne Smartphone-Connectivity, Individualisierungsmöglichkeiten sonder Zahl bis hin zu "Second Skin" genannten folierten Außendesigns, bessere Motorisierungen oder auch die Cabrio-Version - wer will, kommt locker über 20.000 Euro. Immer serienmäßig an Bord ist ein Uconnect-Radio mit USB/AUX-Eingang und sechs Lautsprecher, sieben Airbags inkl. Fahrerknieairbag und Berganfahrassistent. Klimaanlage gibt's erst ab dem zweiten Level Pop Star.

Hat man "Uconnect 5" LIVE" im Auto, etwa weil man die Topversion "Lounge" bestellt hat, thront ein Touch-Display auf der Mittelkonsole, das (wenn das Smartphone verbunden ist), als TomTom-Navi dient, oder zur Verwendung von Apps wie Fahrdaten oder Musikstreaming. Mit fünf Zoll Diagonale ist es etwas knapp bemessen, was der Ablesbarkeit abträglich ist - die Symbole sind eher winzig. Top: Die Lautstärke regelt man hier endlich per Drehregler, nicht mehr mit Drucktasten.

Cabrio, Zweizylinder - passt.
Unterwegs war ich in und um Turin mit dem Fiat 500C, also dem "Cabrio", wie sie es in Turin vollmundig nennen. Auch wenn die Seitenwände weiterhin stehen bleiben, ist der Open-Air-Effekt herrlich! Dach auf, Fenster auf, Ellbogen raus (auch wenn sich die Seitenscheiben nicht restlos versenken lassen), das macht richtig Spaß. Unpraktisch ist nur, dass bei offenem Verdeck die Sonne auf das 5"-Display blendet und man häufig schlichtweg gar nichts ablesen kann.

Die Idee mit dem (fünf Jahre kostenlosen) Audio-Streamingdienst Deezer oder der Vielzahl an Online-Radios ist grundsätzlich gut, leider ist beim Test die Verbindung immer wieder ausgefallen, was jedes Mal eine das Navi verdrängende Fehlermeldung zur Folge hatte, einmal das Abschalten des Streamings erzwang und sogar einen Systemabsturz provozierte.

Zu fahren ist der Cinquino spritzig, wendig (nur 9,3 m Wendekreis) und durchaus knackig; das Fahrwerk mit den verbesserten Radaufhängungen ist sogar so hart, dass mir auf sehr unebener Straße die Stimme vibriert. Ich habe es gern so verbindlich, aber es ist nicht jedermanns Sache. Die Bremsen sind unauffällig, werden hier aber trotzdem erwähnt, weil ihre Scheiben größer sind als früher (je nach Version werden hinten aber weiterhin Trommelbremsen verbaut). Verbessert wurde auch die Geräuschisolierung.

Der Zweizylinder des Testwagens passt gut zu dem Auto. Nicht nur, weil auch der historische 500er einen hatte, sondern weil er ein bisschen frech klingt und mit 85 PS für angemessenen Vortrieb sorgt. Es gibt ihn auch mit 105 PS. Die herausragende Eigenschaft des 0,9-Liter-Turbo-Twins ist sein günstiger Normverbrauch von 3,8 l/100 km. Hm. Nach der Testfahrt zeigte der Bordcomputer etwas mehr als das Doppelte an.

Alternativ bietet Fiat einen 69 PS starken 1,2-Liter-Vierzylinder an (Basismotorisierung), Ende des Jahres kommt ein 1,3-Liter-Turbodiesel mit 95 PS dazu.

Nobel im Innenraum
Innen geht es grundsätzlich stylisch zu, egal welche der zehn Interieur-Varianten man wählt. Das Design der Sitze wurde geändert, es gibt jetzt mehr Seitenhalt, allerdings hat man nun wegen der größeren Seitenbacken immer das Gefühl, dass die Sitzfläche zu kurz ist. Man sitzt auffallend hoch, für die Füße ist wenig Platz, Brems- und Kupplungspedal liegen etwas zu nah zusammen. Auf die Rücksitze bittet man nur Kinder oder klappt ihre Lehnen um, was den Gepäckraum von 185/182 auf 550/520 (Limousine/Cabrio) Liter erweitert. Ablagen gibt es, aber nicht wirklich viele, jedoch hat das Handschuhfach jetzt serienmäßig einen Deckel.

Unterm Strich
Style hat seinen Preis. Wer einfach einen praktischen Kleinstwagen braucht, wird woanders zuschlagen. Doch trotz seiner selbstbewussten Preisliste führt der Fiat 500 in seinem Segment in Europa ebenso wie in Österreich die Zulassungsstatistik in seinem Segment an, seit 2007 wurden 1,5 Millionen Stück verkauft - wohlgemerkt bereits vor der aktuellen Überarbeitung, die ihn durch und durch besser, aber nicht per se teurer macht. In Zeiten, da das Geld knapper wird, sehnt man sich nach unbeschwertem, italienischem Lebensgefühl. Und nach alten Zeiten, die doch so viel besser waren. Wenn auch nur in der verklärten Erinnerung.

Warum?

  • Näher denn je am historischen Vorbild
  • Nicht nur ein Auto, sondern zugleich ein Lebensgefühl

Warum nicht?

  • Zweizylindermotor nur am Papier sparsam

Oder vielleicht …

… als Kleinstwagen Seat Mii, Skoda Citigo, VW up!, Hyundai i10, Renault Twingo, Smart forfour, Opel Adam - als Retro-Auto der Mini

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