Mo, 11. Dezember 2017

Historisches Urteil

08.07.2015 22:47

Wachkoma: Argentinier durfte sterben

In einem historischen Urteil hat der Oberste Gerichtshof Argentiniens das Abschalten der lebenserhaltenden Geräte bei einem seit mehr als 20 Jahren im Wachkoma liegenden Mann gestattet. Das Gericht betonte, es handle sich nicht um grundsätzliches grünes Licht für Sterbehilfe, die in dem traditionell katholischen Land verboten ist. Wenige Stunden nach Abschaltung der Geräte starb Marcelo Diez.

"Marcelo ist jetzt frei", erklärte seine Schwester Andrea am Mittwoch. "Frei vor allem von der Grausamkeit der Menschen und Institutionen, die gegen seinen Willen verstießen."

Präzedenzfall in Argentinien
Diez hatte 1994 im Alter von 30 Jahren einen Motorradunfall gehabt und lag seither im Wachkoma. Er reagierte nicht auf Reize, wurde über Maschinen beatmet und durch eine Sonde mit Nahrung versorgt. Von ihm gab es keine schriftliche Patientenverfügung, weshalb es sich um einen Präzedenzfall handelte.

Die Geschwister gaben vor Gericht übereinstimmend an, Diez habe immer gesagt, dass er in einer solchen Situation keine lebensverlängernden Maßnahmen wolle. Auf diese Aussagen verwies das Gericht nun in seinem Urteil: Die Familie könne für Diez sprechen und sagen, was er zum Ausdruck bringen würde, wenn er kommunizieren könnte. Grundlage der Entscheidung sei zudem ein 2012 erlassenes Gesetz über Patientenverfügungen.

Katholische Kirche wetterte gegen Sterbehilfe
Der Fall hatte in Argentinien für erbitterte Debatten gesorgt. Unter anderem wurde eine Facebook-Seite mit dem Titel "Tötet Marcelo Diez nicht" eingerichtet. Auch die katholische Kirche meldete sich zu Wort und warnte, ein Abschalten der Geräte sei passive Sterbehilfe und würde ein Verbrechen bedeuten.

Der Fall erinnert an ein jüngst vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gefälltes Urteil. Die Richter erlaubten vor Kurzem im Fall des im Wachkoma liegenden querschnittsgelähmten Franzosen Vincent Lambert, dass die künstliche Ernährung eingestellt werden darf. Das war von Lamberts Frau, fünf Geschwistern und einem Neffen gefordert worden. Die Eltern des Franzosen und zwei weitere Geschwister wollten den 38-Jährigen dagegen am Leben erhalten, mussten sich aber der Entscheidung des Gerichtes beugen.

Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Für den Newsletter anmelden