Mo, 18. Dezember 2017

Die "Krone" in Athen

04.07.2015 16:57

"Wir müssen uns jetzt auf eigene Beine stellen"

Schlange stehen um ein paar Euro. Griechenland am Abgrund. Spyros Magalios (67) ist Rentner in Athen. Der "Krone" erzählt er seine Geschichte.

Ein kleines Gässchen im Stadtteil Keramikos. Hunde spielen, eine weiße Katze schläft auf dem heißen Asphalt. Drei Männer sitzen im Schatten von Bitterorangenbäumen um ein blaues Plastiktischchen herum. Sie trinken Kaffee und diskutieren. Aus einer Büchse auf dem Boden steigt Rauch auf, das soll die Moskitos fernhalten. Spyros' Füße stecken in staubigen Sandalen. Er ist Eisensammler. Seine beiden Freunde fahren mit ihm die Touren durch die Stadt. Für ein Kilo Metall kriegen sie 17 Cent.

"Krone": Herr Magalios, warum arbeiten Sie mit 67 noch?
Spyros Magalios: Ich brauche das Geld. Obwohl ich meinen Rentenantrag schon eingebracht habe, muss ich jetzt zwei Jahre auf das Geld warten. Aber in Athen dauert es ja schon zwei Monate, bis ein Kuvert vom ersten in den zweiten Stock gelangt ist. Der Mann beim Amt, der die Stempel auf meinem Antrag kontrolliert hat, meinte: "Bis Sie sterben, geht es sich aus." (lacht)

"Krone": Wie viel Rente werden Sie bekommen?
Magalios: Ich hoffe auf 500 Euro. Ich hatte sieben Jobs in meinem Leben, vom Arbeiter in einer Mineralölfirma über Drucker bis hin zu dem, was ich jetzt noch immer mache.

"Krone": Was dachten Sie sich, als diese Woche Rentner die Banken stürmten, um 120 Euro abheben zu können?
Magalios: Mir fiel der Tag ein, an dem der Euro eingeführt wurde. Die Hoffnungen waren so groß damals. Aber von all dem Geld, das sie über unser Land ausgeschüttet haben, haben nur einige Konzerne profitiert, wir kleinen Leute hatten nichts davon. Im Gegenteil, wir müssen jetzt zwei Jahre länger arbeiten, um in Rente gehen zu können, und müssen uns um unser Geld anstellen. Jetzt wollen sie sogar noch die Steuern auf Lebensmittel erhöhen, damit es uns noch schlechter geht.

"Krone": Woran spüren Sie die Krise?
Magalios: Du spürst sie überall. Im Supermarkt sieht man so viele Einkaufszettel wie noch nie, es wird nicht einfach was Gutes gekauft, sondern eben nur noch, was man wirklich braucht und was billig ist. Ich und meine Freunde haben letzte Woche für unser Metall kein Geld mehr bekommen, nur noch einen Zettel, auf dem der Erlös notiert ist. Normalerweise bekamen wir für ein Kilo 17 Cent, zuletzt nur noch zehn und jetzt Schuldscheine. Solche Scheine hat im Moment jeder. Viele Firmen konnten auch die Löhne wegen der Geldknappheit nicht zahlen und gaben ihren Mitarbeitern Zettel als Bestätigung. In der Zeitung steht auch, dass die Selbstmorde gestiegen sind.

"Krone": Hätten Sie sich das je vorstellen können?
Magalios: Niemand hätte es sich vorstellen können. Aber durch die EU kam auch sehr viel Konkurrenz ins Land. Viele Firmen wurden deshalb zugesperrt und die Leute arbeitslos. Vor 45 Jahren bekam man für ein Kilo Bronze 20 Drachmen, man konnte sich eine Packung Zigaretten, Kaffee, Milch und Brot kaufen. Heute kriegt man dafür zwei Euro, da geht sich höchstens noch das Brot aus. Absurd ist auch, dass Griechenland das Olivenöl mittlerweile aus Spanien importiert, weil das billiger ist als unser selbst produziertes Öl.

"Krone": Gleichzeitig blüht die Schwarzarbeit, und viele Griechen zahlen keine Steuern.
Magalios: Frau La Garde vom IWF zahlt auch keine Steuern... Und wenn sie die Mehrwertsteuer noch weiter erhöhen, dann wird es noch mehr Schwarzarbeit geben.

"Krone": Wie informieren Sie sich über die politischen Ereignisse?
Magalios: Ich lese keine Zeitung und habe keinen Fernseher. Ich besitze nur ein Radio. Die schlechten Nachrichten sprechen sich auch so herum. Die Leute diskutieren über nichts anderes mehr als über Politik.

"Krone": Wie werden Sie beim Referendum diesen Sonntag stimmen?
Magalios: Oxi - Nein. Weil die EU Griechenland doch nur kleinmacht. Wie hat der deutsche Finanzminister uns hingestellt? Wie Betrüger, die sich Finanzspritzen erschwindeln wollen. Euer Regierungschef war der Einzige, der uns anständig behandelt hat. Das merken sich die Leute. Wenn wir "Nai" stimmen - Ja -, dann geht der Zirkus mit der EU weiter.

"Krone": Aber Griechenland ist auf die Finanzhilfen aus Brüssel angewiesen.
Magalios: Wir wollen das Geld von der EU nicht. Griechenland kann sich selbst helfen, ich vertraue dem jungen Tsipras. Deutschland hat das Land nach dem Krieg auch wieder aufgebaut. Genauso müssen wir uns jetzt wieder auf eigene Beine stellen. Das Problem ist auch, dass viele unsere Mentalität nicht verstehen. Wir wollen nicht die ganze Zeit nur schuften, wir wollen auch essen und trinken und das Leben genießen. Aber die EU will den Menschen hauptsächlich Vorschriften machen.

"Krone": Sind Sie also für einen "Grexit"?
Magalios: Vielleicht wäre ein vorübergehender Austritt aus der Eurozone nicht so schlecht, Griechenland könnte ja trotzdem Mitglied der Union bleiben. Es muss seine Probleme selbst regeln, nicht auf Verordnung der EU. So könnten wir uns auch wieder mehr Respekt verschaffen.

"Krone": Trauen Sie Alexis Tsipras das zu?
Magalios: Jedenfalls hat er nicht wie frühere Regierungen gleich korrupte Geschäfte gemacht, sondern für sein Land gekämpft. Denn hier geht es auch um die Würde der Menschen. Es ist erniedrigend, wenn alte Leute zur Bank fahren, um 120 Euro zu bekommen, und dort stundenlang warten müssen, weil immer wieder die Rollläden runtergehen. Alexis Tsipras hat daran gedacht und bekannt gegeben, dass die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos sind, bis die Banken wieder öffnen.

"Krone": Was wird in zehn Jahren sein?
Magalios: Ich habe dann hoffentlich schon eine Rente. Und meine Hoffnung ist natürlich, dass Griechenland sich erholt hat. Aber nicht durch Unterwerfung, sondern indem die Menschen wieder an dieses Land und seine Stärke glauben und nicht auf falsches Geld vertrauen.

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