Di, 20. Februar 2018

Griechenland-Krise

01.07.2015 14:01

Tausende Pensionisten stürmen Banken in Athen

Ausnahmezustand in Athen: Tausende Pensionisten haben sich am Mittwoch auf den Weg zu ihren Banken gemacht, um ihre Rente zu beheben. Die Geldinstitute waren von der Regierung angewiesen worden, rund 1.000 Filialen im ganzen Land zur Auszahlung von Pensionen zu öffnen. Bis zu 120 Euro dürfen Rentner beheben. Vor den Banken bildeten sich lange Warteschlagen. Premier Alexis Tsipras übermittelte indes den Gläubigern weitere Sparvorschläge, über die Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble allerdings sagte, dass sie "nicht für mehr Klarheit sorgen".

Die Geldhäuser, die auch am Donnerstag und am Freitag offen sein sollen, hatten die Ausnahme für die Rentner ermöglicht, da viele Pensionisten keine Bankomat- oder Kreditkarten haben und somit in den vergangenen Tagen an den Automaten kein Bargeld abheben konnten.

Pensionist: "Ich bin noch nicht wütend - aber bald"
"Ich habe mehr als 50 Jahre auf dem Meer gearbeitet, und jetzt muss ich um 120 Euro betteln", sagte ein früherer Seemann. Er habe nicht genug Geld, um Medikamente für seine Frau zu kaufen. Der 57-jährige Spiros Jamandopoulos, früher Kellner auf einer Fähre, kam in Pantoffeln zu einer Filiale der Alpha-Bank im Stadtzentrum. "Ich bin um sechs Uhr gekommen und habe um zehn Uhr mein Geld bekommen", sagte er und fügte hinzu: "Ich bin noch nicht wütend - aber bald."

Vor der Alpha-Bank sorgte der 22-jährige Polizist Giorgos seit dem frühen Morgen für Ruhe. "Es ist eine schlimme Situation, die Alten tun mir unendlich leid", sagte er. Noch sei alles ruhig geblieben, "aber ich fürchte, so wird es nicht bleiben". Am Eingang der Bank kümmerte sich die 30-jährige Angestellte Maria um die Kunden - unter anderem um einen Blinden, der sich verloren herantastete. "Es ist unfassbar, was hier passiert", sagte Maria. Für die Betroffenen sei die Lage "sehr, sehr schwer".

Tsipras' neue Sparvorschläge stoßen auf Ablehnung
Ministerpräsident Tsipras schickte indes den Geldgeber-Institutionen EU-Kommission, Internationaler Währungsfonds und Europäische Zentralbank einen weiteren Brief mit Sparvorschlägen. Die Euro-Finanzminister dürften die Maßnahmen aber kaum akzeptieren, sagte ein Vertreter der Eurozone am Mittwoch. Schäuble monierte, der Brief sorge nicht für mehr Klarheit. Es gebe derzeit "keine Grundlage" für ernsthafte Verhandlungen. "Zunächst muss erst einmal Griechenland Klarheit schaffen, was es denn nun will."

Nach Auslaufen des Hilfsprogramms in der vergangenen Nacht sei die Situation unter "rechtlichen und tatsächlichen Tatsachen" eine völlig andere. "Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet, aber wir sind in einer wirklich schwierigen Situation." Besonders Griechenland sei in einer schwierigen Lage, "aber ausschließlich durch das für niemanden mehr nachvollziehbare Verhalten der Verantwortlichen in Griechenland", sagte Schäuble. Für Mittwochabend ist nun eine weitere Telefonkonferenz der Euro-Finanzminister geplant.

Hilfsprogramm ausgelaufen, IWF-Rate nicht gezahlt
Um Mitternacht war das Hilfsprogramm der griechischen Euro-Partner ausgelaufen. In einer hektischen Telefonkonferenz hatte die Eurogruppe wenige Stunden zuvor die Bitte der griechischen Regierung abgelehnt, das Programm bis über das für Sonntag geplante Referendum hinaus zu verlängern. Damit ist Griechenland von Hilfen der internationalen Partner so gut wie abgeschnitten. Denn auch beim IWF geriet das Land als erste Industrienation in Zahlungsrückstand, weil die Regierung in Athen eine Kreditrate bis zum Ablauf der Frist am Dienstag um Mitternacht nicht gezahlt hat.

Schon vor der dramatischen Zuspitzung der Situation war es am Dienstag, dem "Tag der letzten Chance", Schlag auf Schlag gegangen. Nach einem letzten Gesprächsangebot seitens der Geldgeber wartete Tsipras am Nachmittag mit einem spektakulären Gegenvorschlag auf: Er bat seine Euro-Partner um ein drittes, zweijähriges Hilfsprogramm. Umfang der gewünschten Hilfen aus dem Euro-Hilfsfonds ESM: nicht weniger als 29 Milliarden Euro. Weiters pochte Tsipras auf eine Umschuldung - eine Forderung, die er bereits in den Dauerverhandlungen der vergangenen Tage zum griechischen Schuldendrama mehrfach vorgebracht hatte.

Unmittelbar nach Einlangen der jüngsten Vorschläge aus Athen wurde kurzfristig eine Telefonkonferenz der Finanzminister der Eurogruppe einberufen. Nach Ende der rund einstündigen Sitzung hieß es am Dienstagabend, die griechische Seite wolle am Mittwoch neue Vorschläge zur Beilegung der Schuldenkrise vorlegen. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel dämpfte jedoch die Hoffnungen auf eine baldige Einigung: Eine Beratung des griechischen Antrags auf höchster EU-Ebene sei vor dem für Sonntag angesetzten Referendum nicht möglich, sagte sie.

Regierungsvertreter: Referendum findet statt
Tsipras hatte am Wochenende überraschend eine Volksabstimmung über die Reformvorschläge der Gläubiger angekündigt und die Euro-Partner vor den Kopf gestoßen. Am Montagabend knüpfte Tsipras dann im griechischen Fernsehen indirekt seine politische Zukunft an ein Nein der Griechen beim Referendum. Am Dienstag machten dann wieder Gerüchte die Runde, die griechische Regierung könnte im Falle eines Entgegenkommens der Geldgeber auf die Volksabstimmung verzichten. Am Mittwoch stellte aber schließlich ein Regierungsvertreter in Athen klar, dass das Referendum wie geplant am Sonntag stattfinden werde. Die Verhandlungen mit den Gläubigern sollten danach weitergehen.

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