Fr, 23. Februar 2018

Bilanz des Grauens

28.06.2015 08:09

Der "Jahresbericht" der grausamen IS-Schlächter

Vor knapp einem Jahr wurde in Syrien und im Irak von der Terrormiliz Islamischer Staat ein Kalifat ausgerufen. Seitdem versuchen die Extremisten, die Grenzen des von ihnen kontrollierten Gebietes - das größer als Großbritannien ist - immer weiter auszudehnen. Blutige Angriffe und Anschläge, Massaker an Zivilisten und Versklavung von Frauen gehören zum Standardrepertoire der grausamen Schlächter. Ein morbider "Jahresbericht" des IS offenbart das ganze Ausmaß des Schreckens: 4.465 Sprengstoffanschläge, Tausende Exekutionen und insgesamt 7.681 Operationen vermeldet die Terrormiliz voller Stolz.

Eine eigene Grafik schlüsselt im Jahresbericht die einzelnen Schandtaten des Islamischen Staates penibel auf: 537 Autobomben per Fernzünder zur Explosion gebracht, 78 mit Selbstmordattentätern besetzt (in der Grafik Punkt 1). Zudem sollen noch 160 Anschläge mit Sprengstoffgürteln (2), 14 Anschläge mit Motorradbomben (3) und 4.465 andere Sprengstoffanschläge verübt worden sein (4). Auf 336 Erstürmungen von Häusern (5), 1.083 "Liquidierungen" per Handfeuerwaffe oder Stichwaffe (6) und 607 Artillerieangriffe (7) verweisen die Terroristen ebenfalls.

Weitere Punkte: 1.015 Anschläge durch Zündung von Sprengladungen (8), 30 Anschläge auf Kontrollpunkte (9), 1.047 Angriffe auf Scharfschützen (10), Kontrolle über acht Städte und Liquidierung der Oppositionellen (11), Hunderte zur Reue gezwungene Abtrünnige (12), Befreiung Hunderter Gefangener (13), Vertreibung Hunderter schiitischer Kämpfer (14).

Eigene Steuern und Gerichte
Im eigenen Herrschaftsgebiet kontrollieren die IS-Extremisten nicht nur Verwaltung und Bildungswesen, sondern treiben auch Steuern ein. Eigene Gerichte setzen die radikalste Lesart der Scharia, des islamischen Rechts, durch. Sogar Gerüchte über eine eigene Währung kursierten schon im Internet - inklusive Bildern von angeblich entworfenen Geldscheinen. Geleitet wird das Gebilde von "Kalif Ibrahim", wie sich IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi seit Ausrufung des Terrorstaates nennt.

Doch das Kalifat dient den IS-Dschihadisten auch dazu, eine Fassade der Stärke aufzubauen. Zur Propaganda der Extremisten gehört es, Gegnern Angst und Schrecken einzujagen, indem man sie glauben lässt, der IS wäre unbesiegbar. Mit radikalster Gewalt gehen die Anhänger gegen Gegner und Andersgläubige vor. Auch die militärischen Erfolge der Dschihadisten tragen zu diesem Bild bei. Erst vor wenigen Wochen konnten sie im Westen des Irak die Provinzhauptstadt Ramadi einnehmen, ein Rückschlag für die Regierung und Armee des Landes.

Kurden bieten dem IS die Stirn
Unbezwingbar sind die Dschihadisten aber nicht. Kurdische Volksschutzeinheiten, sogenannte Peshmerga, vertrieben die IS-Extremisten Ende Jänner nach monatelangen heftigen Kämpfen aus der nordsyrischen Stadt Kobane - auch wenn in der letzten Woche von den Terroristen versucht wurde, wieder in die Stadt vorzudringen. Vor wenigen Tagen mussten sich die Extremisten etwas weiter östlich erneut den Kurden beugen, als sie die strategisch wichtige Grenzstadt Tel Abyad an die Volksschutzeinheiten verloren. Das zeigt: Einigermaßen gut organisierte Einheiten können dem IS die Stirn bieten.

Zudem drohen dem IS wirtschaftliche Probleme. Zwar gilt die Organisation als reichste Terrorgruppe der Welt, weil ihr der Besitz von Öl- und Gasfeldern im Irak und in Syrien Millioneneinnahmen beschert. Doch einen Staat zu unterhalten kostet viel Geld. Der IS-Reichtum basiert zudem auf einer Beutewirtschaft: Eroberte Gebiete werden geplündert. Große Geländegewinne konnte der IS zuletzt jedoch nicht mehr erzielen.

Versorgungsprobleme in IS-Gebieten
Guido Steinberg, deutscher Terrorexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, rechnet daher schon in diesem Herbst mit Versorgungsproblemen in den vom IS kontrollierten Gebieten. "Viele landwirtschaftliche Flächen im Herrschaftsgebiet des IS liegen brach", erklärte der Politikwissenschaftler in einem Interview. "Spätestens mit Ausbleiben der Ernte werden Probleme auftauchen." Könnte das der Anfang vom Ende des IS sein? Daran glaubt Steinberg allerdings nicht. In Syrien und im Irak gäbe es außer den Kurden keine militärische Kraft, die den IS momentan besiegen könne. Der irakischen Armee fehle trotz US-Hilfe die Schlagkraft, die syrische Armee sei ausgelaugt. Der Erfolg des IS sei daher weniger ein Ergebnis seiner eigenen Stärke - als vielmehr der Schwäche seiner Gegner.

Ähnlich argumentiert auch der Experte Hassan Hassan vom Institut Chatham House in London. Der Terrororganisation käme dabei auch ihre Organisationsstruktur zugute. Die IS-Dschihadisten agieren nämlich "wie eine Guerilla". "Sie können in einer Region geschwächt werden und in einer anderen erstarken." Daher zeichnet der Experte eine durchaus düstere Prognose über das Weiterbestehen des IS: "Ich gehe davon aus, dass er mindestens noch ein Jahrzehnt besteht."

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