Mi, 13. Dezember 2017

"Stimmen im Kopf"

24.06.2015 11:08

Graz: Erste Bilder der Todesfahrt, Täter in U-Haft

Er habe "Stimmen im Kopf" gehört - das sagte der Amoklenker Alen R., der am Samstag in der Grazer Innenstadt drei Menschen getötet und 36 weitere zum Teil schwer verletzt hatte, im Pflichtverhör. Ob unzurechnungsfähig oder bloßes Schauspiel, ist unklar. Jedenfalls ließ sich der Haftrichter von den wirren Aussagen nicht beeindrucken. Er verhängte U-Haft über den 26-Jährigen, der - wie auf den ersten Bildern der Amokfahrt zu sehen ist - mit starrem Blick mit seinem Geländewagen durch die steirische Landeshauptstadt gerast war.

Das Verhör des 26-Jährigen fand im Beisein eines psychologischen Gutachters statt. Dabei meinte der Amokfahrer, dass er Stimmen gehört habe, "in seinem Kopf", und sich von Türken verfolgt gefühlt habe. Der Haftrichter habe sich aber laut Christian Kroschl, Sprecher der Staatsanwaltschaft, "auch aufgrund seines bei der Vernehmung gewonnenen persönlichen Eindruckes vom Beschuldigten" gegen eine Anhaltung in einer Nervenklinik entschlossen. Der Amokfahrer wird also in U-Haft genommen.

Spätestens am 7. Juli werde im Rahmen einer Haftverhandlung geprüft, ob die Voraussetzungen für die Untersuchungshaft weiter vorliegen. Bis dahin sollen weitere Befragungen und Untersuchungen durch den Sachverständigen stattfinden. Einen Verteidiger habe der Beschuldigte bisher nicht genannt. Das Gericht hat ihm daher einen Verfahrenshilfeverteidiger beigestellt.

Identität eines Opfers noch unklar
Zudem gaben Ermittler und Staatsanwaltschaft den aktuellen Ermittlungsstand bekannt: Weiterhin unklar ist etwa die Identität der getöteten Frau: Rene Kornberger vom Landeskriminalamt Steiermark erklärte, dass sie etwa 25 bis 30 Jahre alt sei und keinen Ausweis bei sich hatte. Sie habe weder eine Tätowierung noch eine auffällige Narbe. Die Erhebungen waren bisher erfolglos. Nun soll anhand ihrer Kleidungsstücke die Identität geklärt werden.

Die unbekannte Tote sowie der Bub und der 28-jährige Mann wurden am Montag obduziert. Sie waren auf der Stelle tot gewesen, ihre Verletzungen glichen jenen bei einem Verkehrsunfall auf einer Überlandstraße - also bei hoher Geschwindigkeit, sagte Kornberger.

Gewalt und Streit um Kopftuch
Der Amokfahrer soll sich nach seiner Wegweisung aus dem Elternhaus etwa zwei Wochen "wo untergemietet" haben und zuletzt wieder bei seinen Eltern gewesen sein. Seine Frau war mit den Kindern an einem anderen Ort untergekommen. Sie habe laut den Ermittlern bei ihrer Vernehmung gesagt, dass sie vorher nichts von der Tat gewusst habe. Es habe allerdings Probleme gegeben, weil der 26-Jährige gewalttätig sei und wollte, dass sie ein Kopftuch trägt. Diesen Wunsch habe sie ausgeschlagen, was danach "im Raum stehen geblieben" sei. Das Verfahren wegen häuslicher Gewalt sei noch offen, sagte Kroschl.

Waffenkarte vor Monaten abgenommen
Die Ermittler bestätigten außerdem, dass bereits vor Monaten ein halbautomatisches Gewehr mit Munition bei dem Verdächtigen sichergestellt worden war. Er hatte eine Waffenkarte besessen, doch nach mehreren Zwischenfällen wurde ihm diese abgenommen - und damit auch seine Waffe. Bei der Hausdurchsuchung nach seiner Amokfahrt wurden keine weiteren Waffen gefunden. Rätselhaft ist auch, dass weder Handy noch Laptop gefunden wurden. Lediglich eine SIM-Karte und mehrere elektronische Medien wurden sichergestellt und müssen jetzt ausgewertet werden. Während der Amokfahrt trug der 26-Jährige ein Taschenmesser bei sich.

Die Arbeit der Ermittler gestalte sich umfangreich: "Rund 150 Zeugen sind zu befragen", sagte Kornberger. Videosequenzen von Kameras entlang der Amok-Route müssten gesichtet und ausgewertet werden, um eine lückenlose Rekonstruktion zu bekommen. Hinzu kommen unzählige Fotos. Ebenfalls noch ausständig ist das Ergebnis des Bluttests des Mannes. Alkohol hatte er vor der Tat jedenfalls nicht getrunken. Das Landeskriminalamt hat zur Aufklärung des Falles auch ein Erhebungsgesuch nach Bosnien geschickt.

Fischer bei Gedenkakt am Hauptplatz
Indes wurde von der Stadt Graz die Marschroute für den Trauerzug am Sonntag, der im Gedenken an die Opfer abgehalten wird, fixiert: Treffpunkt ist um 16.30 Uhr am Griesplatz. Von dort geht es über Zweiglgasse und Grazbachgasse weiter zum Jakominiplatz und über die Herrengasse zum Hauptplatz.

Gegen 18 Uhr ist vor dem Rathaus in Anwesenheit von Bundespräsident Heinz Fischer der offizielle Gedenkakt vorgesehen. Dabei ist ein gemeinsames Gebet von Vertretern der Ökumene und anderer Glaubensrichtungen geplant. Andere Veranstaltungen in der "Trauerwoche" wurden am Dienstag abgesagt oder verschoben.

Asfinag schaltet Anzeigetafeln auf "Trauer"
Die Asfinag schaltete mittlerweile ihre Anzeigetafeln auf den Autobahnen beim Knoten Graz auf Schwarz mit dem weißen Schriftzug "Graz trauert" - vorbehaltlich aktueller Verkehrsmeldungen. Der Trauertext wird bis Sonntag um Mitternacht zu sehen sein.

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