Do, 18. Jänner 2018

"Yes, Virginia"

14.04.2006 01:27

Dresden Dolls: schön obszön

Sie sind schräg, sie sind obszön, sie sind zu zweit und sie sind NICHT aus Dresden. Aber im Bandnamen ist trotzdem die im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstörte Stadt in Deutschland gemeint. Mehr oder weniger brechen sie’s dabei aber nur auf die Zerstörung herunter… Sei's drum: Die "Dresden Dolls" sind ziemlich historisch angehaucht und nehmen auch auf ihrem neuen Album kein Blatt vor den Mund!

Der Titel für das neue Album „Yes, Virginia“ wurde von einem Briefwechsel zwischen einer Achtjährigen und der New York Sun im Jahre 1897 inspiriert. Die kleine Virginia wollte von den Redakteuren der Zeitung wissen, ob es denn tatsächlich keinen Weihnachtsmann gibt,
so wie alle anderen sagen.

Yes, Virginia...
Gibt es, mach dir keine Sorgen, sagten die Zeitungsmenschen und wiesen auf den nicht vorhanden Gegenbeweis hin. Wohl darauf bedacht, die Träume kleiner Kinder nicht für null und nichtig zu erklären.

No, Virginia...
„Das Leben ist hart, Virginia. Und es gibt keinen Weihnachtsmann! Aber dir jetzt erst die Wahrheit zu sagen, hilft dir auch nicht weiter.“ So ungefähr lautet 109 Jahre später die Antwort der Dresden Dolls, die die Geschichte der kleinen Virginia als Anstoß zum Song „Mrs. O“ über das opportunistische Umschreiben von Historie aufgriffen. Im Sinne von: Wer den Holocaust leugnet, kann auch gleich dem Weihnachtsmann einen Brief schreiben und sich zu jenen addieren, die Virginia schon vor der New York Sun etwas vorlogen.

Kein Blatt vorm Mund
Abseits dieser musikalischen Restitutionsarbeit beschäftigt sich das theatralische Außenseiter-Pärchen aus Boston mit allerlei obszöner, abgründiger und schwarzhumoristischer Thematik: „First Orgasm“ erzählt von mit Sehnsüchten verbundener, morgendlicher Onanie, „Sex Changes“ philosophiert über moderne Identitätskrisen und so geht es auf dreizehn weiteren Songs dahin.

Piano, Trommeln und sonst nix
Klingen tut’s wie immer schärfstens: Pianistin Amanda Palmer hat früher am Theater gearbeitet und Schlagzeuger Brian Viglione war jahrelang in einer Schwermetall-Band tätig. Sprich, die Dresden Dolls wanken irgendwo zwischen Chopin und The Clash oder auch Brahms und den Sex Pistols... oder irgendeinem anderen klassischen Komponisten und einer Rock/Punk-Band.

Fazit: Ihre Art von Musik ist - wenn Amanda Palmers wankelmütige und zugleich arg gewöhnungsbedürftige Art zu singen mit ins Spiel kommt - sowieso unklassifizierbar. Also, selber reinhören!

7 von 10 Puppenspielern

In der Infobox gibt's den Link zu Hörbeispielen und vielen weiteren Informationen über die Dresden Dolls.


Christoph Andert

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