So, 21. Jänner 2018

"Garden Ruin"

12.04.2006 22:16

Calexicos "Garden Ruin"

Calexico, die Band mit den zwei Köpfen schlägt wieder zu. „Garden Ruin“ heißt das neue Werk, mit dem die beiden Masterminds Joey Burns und John Convertino ihren Stil erneut völlig umkrempeln – oder eigentlich eh beibehalten, denn bisher war jedes Calexico-Album eine Stilrichtung für sich allein…

Bei ihrem Durchbruch 2000 waren noch Tex-Mex und eher lateinamerikanische Einflüsse vorherrschend - „Mariachi-Madness“ nannten das viele Kritiker. Jetzt ist von den Mariachis fast nichts mehr zu hören.

Auf „Garden Ruin“ nehmen sich Burns (li.), Convertino (re.) und ihre Musiker, von denen zwei aus Deutschland stammen, eher Folk und Country, getunkt in oftmals schwermütige Mollakkorde, zur Brust. Sie sind auch von der klassischen Klampfe auf die Westerngitarre umgestiegen, was die Sache noch spannender macht.

Der Opener „Cruel“ beginnt mit einem feinen Gitarren-Intro, wiegt sich aber bald in eine von schnellen Akzenten unterbrochene Ballade auf. Gleich hier, beim ersten Track, hat man als Vorgeschmack all jene Klangfarben verpackt, die später noch detaillierter aufgedröselt werden.

Gedämpft Brass-Einlagen, Pedalsteel-Romantik von Country-Guru Paul Niehaus, dessen Dienste auch schon Sting in Anspruch nahm. Dazu gibt’s wehende Hallfahnen und dezente Besenwischerei am Schlagzeug von John Convertino und einen überraschend zarten, fast bebenden Gesang von Joey Burns.

Highlight des Albums ist die getragene Nummer „Bisbee Blue“. Die Inspirationsquelle für die beiden Calexico-Masterminds lag quasi vor der Haustür und musste nur entsprechend verwoben werden: Die Band schrieb und arrangierte nämlich sämtliche Songs für das Album in der beschaulichen Kleinstadt Bisbee in Arizona. Sie hatten Proberäume über einem kleinen Café angemietet, in einer Gegend, wo nur Folk-Music und Bob Dylan im Radio laufen - die ideale Umgebung um Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen.

Das schlägt sich natürlich auch im Sound nieder: Calexico kommen jetzt mit weniger Pomp aus, geben dafür aber mehr Kleinkram. Der Melodienreichtum von Joey Burns und John Convertino scheint ohnehin grenzenlos seinen, Songs wechseln etliche Male das Thema, musikalische Exkurse mit Celli-Solos und Latin-Piano-Fills sorgen nicht nur für Abwechslung, sondern unterstreichen die komplexe Note, die Calexico ihrer Art von Musik geben.

Erst beim fünften Song erschallt die erste Stromgitarre, ab hier wird das Album auch rockiger, vorsichtig gesagt auch „gewöhnlicher“. Verwunderlich, aber dennoch passend sind die an verschiedenen Stellen eingestreuten „Pah-pah-pah“-Passagen, die irgendwie an die frühen Beatles und diverse Boygroups der early Sixties erinnern.

In Sachen Lyrics sind Calexico weiterhin in bewährter Manier gesellschaftskritisch weil von politischen und ökonomischen Verhältnissen in ihrer Heimat, dem Süden der USA, nicht gerade begeistert.

Sprachliche Ausflüge gibt’s mit der französischen Nummer „Nom de plume“, in der Joey Burns die Schönheit der menschlichen Zerstörung schildert und dem morbiden Duett „Roka, Danza De La Muerte“, das er mit der Sängerin Amparo Sanchez zum Teil auf Spanisch zum Besten gibt und das als einziger Song an die früheren Mariachi-Tage erinnert.

Finaler Absacker ist das apathisch-furiose „All Systems Red“. Auch wenn’s Burns und Convertino nicht wörtlich sagen, gewidmet sind die bedrückenden Zeilen dem Irak-Feldzug der US-Regierung: Wie ein Schlechtwetter-Bericht ist für Calexico die Gallup-Sonntagsfrage, der steigende „Bodycount“ im Kriegsgebiet, eine Sache, die es nur noch schlimmer macht – und das in einem Land, in dem sich nichts ändert und nichts verbessert wird.

Fazit: Eine gute, musikalische Platte mit Gewissen und einem Sound, den man so nirgendwo anders finden wird.

8 von 10 Ex-Mariachis mit Cowboyhut

Tipp: Auf ihrer Website haben Calexico eine nettes Making-Of Video und ein paar Hörproben veröffentlicht. Den Link gibt’s in der Infobox! Am 6. und 7. Mai gastieren Calexico zusammen mit „Iron & Wine“ im Grazer Orpheum und in der Wiener Arena.


Christoph Andert

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