So, 22. Oktober 2017

Reiterferien

23.05.2015 17:00

Brasilien: Mit den Gauchos durch die Pampa

Über Argentinien, Uruguay und Brasilien erstreckt sich die Pampa, eine Grassteppe im Südosten Südamerikas. Riesige Viehherden bevölkern die schier unendlichen Weideflächen. Mit ihnen ziehen die Gauchos, die Cowboys Südamerikas.

Vor mir steht ein braunes Muskelpaket, schwarze Mähne, schwarzer Schweif, circa 1,65 Meter hoch – geballte Kraft auf vier Beinen. Ein kompaktes Pferd mit freundlichen Augen, breiter Brust und einer runden Kruppe. Namen hat es keinen, wird mir auf meine Frage mitgeteilt. Also beschließe ich spontan, den Wallach für die Zeit unseres Rittes "Bruno" zu nennen. Bruno ist ein Criollo. Das sind die Arbeitspferde der Gauchos, des südamerikanischen Pendants zu den Cowboys. Die Pferde zeichnen sich durch besondere Widerstandsfähigkeit, Genügsamkeit und rasche Regenerationsfähigkeit aus. Und durch ihren speziellen "Cow-sense", den sie für die Arbeit mit den Rindern brauchen.

Der Gaucho und sein Pferd – eine untrennbare Einheit. Unverzichtbar. Denn hier, tief im Süden des Landes, sind gute Straßen eher rar. Mit dem Auto gibt es oftmals kein Weiterkommen. Diese kleinen, zähen, ausdauernden Pferde sind Arbeitsgerät, Transport- und Fortbewegungsmittel. Mit ihnen werden Rinderherden kontrolliert, verirrte Tiere gesucht, im Notfall Hilfe geholt oder auch mal die Kinder in die Schule gebracht, erklärt mir Paul, der unseren Ritt organisiert hat.

Unser Abenteuer beginnt und endet auf der Fazenda von David und Mirelle, circa zweieinhalb Stunden vom Flughafen Florianopolis entfernt. Die Fahrt gestaltet sich abseits der Hauptstraßen sehr holprig. Sandpisten und unzählige Schlaglöcher sorgen dafür, dass wir ziemlich durchgeschüttelt werden. Ich bin unterwegs mit durchwegs erfahrenen Pferdeleuten, die alle den Mythos von Freiheit und Unabhängigkeit erleben wollen. Und mit Paul, einem Belgier, für den Brasilien vor fünf Jahren zur neuen Heimat wurde und der seine Leidenschaft, die Pferde, zum Beruf gemacht hat.

In den nächsten Tagen werden wir rund 250 Kilometer im Sattel zurücklegen. Wir bewegen uns in der Heimat der Gauchos, der Coxilha Rica im Bundesstaat Santa Catarina, ungefähr so groß wie Belgien. Allerdings leben hier lediglich 400 Menschen. Als Nachkommen europäischer Einwanderer, die im 18. und 19. Jahrhundert auf der Suche nach einem besseren Leben hierher kamen, widmen sie sich vor allem der Rinderzucht, was Brasilien zu einem der größten Fleischproduzenten weltweit macht. Und sie leben ihre Traditionen. So wurde die Lebensart der Gauchos von der UNESCO zur lebendigsten Reitkultur der Welt erklärt.

Herzlicher Empfang
Keine der Farmen, auf denen wir in den nächsten Tagen übernachten werden, ist auf die kommerzielle Beherbergung von Gästen ausgerichtet, alles sind Privathäuser, und teilweise werden Söhne, Töchter oder Großeltern kurzfristig für uns ausquartiert. So erhalten wir einen sehr authentischen Einblick in das Leben der Menschen, werden überall herzlichst empfangen und reichlich bewirtet. Hier ist Besuch aufgrund der Entfernungen zwischen den einzelnen Anwesen eher die Ausnahme denn die Regel und man freut sich, wenn wir mit den Pferden Rast machen.

Und auch wir brauchen ab und an eine Pause. Denn was für die Gauchos Roberio, Thiago und João das tägliche Brot bedeutet, bringt uns teilweise an unsere Grenzen. Das Reiten im Gelände ist anstrengend und bis zu acht Stunden im Sattel machen sich bemerkbar. Auch wenn die Sättel bequem, "Bruno" und die anderen Pferde lammfromm und die Landschaften der Coxilha Rica einfach großartig sind. Die unendliche Weite der Pampa lädt zu einem flotten Galopp, und wir alle haben Spaß dabei. Wir reiten durch sanftes, hügeliges Grasland, skeptisch beäugt von unzähligen Rindern, durch Schatten spendende Araucaria-Wälder, queren Flüsse und machen Rast an einem romantischen Wasserfall. Das ist ein Reiterlebnis – so ganz anders als daheim!

Romantische Seele
Und während Bruno mit seinen Kumpels abends zufrieden auf der Weide steht, offenbaren die Gauchos, dass auch sie nicht nur harte Machos sind, sondern eine romantische Seele haben. Bei Mate-Tee oder Caipirinha packen Thiago und João nach einem erlebnisreichen Tag im Sattel die Gitarre aus und geben melancholische Lieder über verflossene Liebschaften oder die gute alte Zeit zum Besten. Und wir wünschen uns, die Zeit würde stillstehen und wir könnten bleiben, hier im Land der Gauchos.

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