Do, 14. Dezember 2017

Neue Autobiografie

24.05.2015 17:00

Sex Pistol John Lydon: "Bin knallhart gestört"

Von Punk-Klischees hält John Lydon, der als Johnny Rotten mit den Sex Pistols das Genre definierte, wenig. Deshalb kam er schon als Pinocchio verkleidet auf die Bühne. Die Musik und das Anliegen zählen, nicht das Outfit, betont der Brite in seiner neuen Biografie "Anger Is An Energy - Mein Leben unzensiert". Über sich selbst bilanziert er: "Ich bin ein einhundert Prozent knallhart gestörter Mann."

"Wut muss nichts Negatives sein, man muss sie nicht runterschlucken, sondern kreativ nutzen", erklärt Lydon den Titel seiner Memoiren, die keineswegs chaotisch oder gar experimentell, sondern konventionell Karriere und Leben des Musikers nacherzählen. Das mag an dem Ghostwriter, dem britischen Journalisten Andrew Perry, liegen. Johnny Rotten pur ist dagegen das Gift, das zwischen den Zeilen spritzt.

Aufräumen mit Klischees
Mit Punk-Zampano Malcolm McLaren etwa geht Lydon hart ins Gericht. Auch für seine ehemaligen Kollegen bei den Sex Pistols bleibt wenig Achtung. Gerade jene Gruppe, die mit der Parole "Anarchy In The UK" die Gesellschaft aufmischte, sei am eigenen Image gescheitert: "Unser sogenannter Manager Malcolm McLaren hat sich in die Hose geschissen und der Rest der Band auch. Eigentlich war das der Grund, warum es mit den Pistols zu Ende ging: Sie hatten panische Angst davor, in Dinge verwickelt zu werden, die sie als skandalös empfanden."

Seinen Schulkollegen Simon, der später als Sid Vicious zur umstrittenen Punk-Ikone wurde, habe er nach einem Haustier benannt, lästert Lydon: "So hieß der Hamster, den ich damals hatte, ein doofes Vieh, aber sehr zutraulich. Daher passte der Name." Vivienne Westwood, die mit ihrem Modegeschäft SEX die Alternativkultur im London der 80er-Jahre prägte, sei "als Mensch unmöglich, aber atemberaubend kreativ" und "eigentlich eine Kauffrau alter Schule vom Schlage einer Margaret Thatcher".

Harte Kindheit
Lydon wuchs in einer armen Gegend in der englischen Hauptstadt auf, "die etwa so aussah, wie man sich heutzutage Russland vorstellt". Eine Meningitiserkrankung und ein damit verbundener einjähriger Spitalsaufenthalt warfen ihn in der Schule zurück und prägten ihn. "Jeder Psychoanalytiker, Psychiater, Geisterheiler, Geisterjäger, Hellseher oder Priester auf der Welt hat keinen anderen Lebenszweck, als dir Unrecht zuzufügen", lautet sein Resümee nach Genesung und Widereingliederung in das Bildungssystem.

Musik sollte für Lydon zum Ausdrucksmittel seines Zorns werden und sich vom Pop der Beatles ("seelenlos und selbstverliebt") unterscheiden: "Immer dieses 'She loves you, yeah, yeah, yeah'-Zeug. Igitt! Ich hasste ihre Frisuren, ich hasste alles an ihnen." Erst kamen die Sex Pistols, dann - trotz heftiger Auseinandersetzungen mit seinen jeweiligen Plattenfirmen - Erfolge mit PiL ("This Is Not A Love Song") und zwischendurch wieder die Pistols für eine Tournee zusammen: "Als es mit den Proben losging, stellte sich bald raus, dass wir uns eigentlich immer noch nicht leiden konnten."

Wider der Popkultur
Für The Clash ("In ihrer Mentalität totale Bürgerkinder, ihr Publikum genauso, und das eingebildete Journalistenpack liebte sie") hat Lydon ebenso wenig übrig wie für Benefizshows: "Popstars sind eine Gefahr für jedes ernsthafte Anliegen." Band Aid sei nichts anderes als "blasiertes Getue, blankes Geltungsbedürfnis" gewesen. Seinem Lieblingsverein, dessen Spiele er als Heranwachsender auf den Stehplätzen verfolgte, hält der nun in L.A. wohnende Lydon mittlerweile von der Ferne die Treue, denn: "75 Pfund für ein Ticket, oder was es heute kostet, nur um Arsenal zu sehen? Für das Geld müsste man noch mit allen Spielerfrauen Sex haben dürfen."

"Anger Is An Energy" ist unterhaltsam, natürlich einseitig, mitunter sarkastisch und bissig, gegen Ende aber etwas langatmig. Fein, dass Lydon kritische Worte zu Themen wie Heroin und Gewalt findet. Und erzählen kann er herrlich komisch: etwa davon, wie er zu seinem Aliasnamen Rotten kam - wegen seiner verfaulten Zähne. Das Putzen der Beißer habe in seiner Familie eben keine Tradition, bereits seine Eltern hatten früh falsche Zähne. Wenn sie eine Party hatten, "sprang ihnen das Gebiss beim Tanzen aus dem Mund", erinnert sich Lydon. "Ich musste nicht nur Platten auflegen, sondern auch die Gebisse aufsammeln und herausfinden, wem welches gehörte."

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