Sa, 20. Jänner 2018

"Briefly Shaking"

01.04.2006 18:29

Süß wie Saccharin und trotzdem aufregend böse

Anja Garbarek ist die Tochter von Europas wohl bestem lebenden Jazz-Saxofonisten, Jan Garbarek – und trotzdem trat sie nie wirklich in seine Fußstapfen. Papa durfte auf ihrem neuen Album „Briefly Shaking“ zwar ein wenig mit dem Korrekturstift werken und mit gutem Rat zur Seite stehen, herausgekommen ist aber erneut eine bunte Mischung aus Stilbrüchen in ihren Songs, die eines gemeinsam haben: Sie sind süß wie Saccharin und so böse, wie eine finstere Regenwolke vor der Sommersonne.

Neben Schwedens Stina Nordenstam und Islands Sangesfee Björk gehört die Norwegerin mit zur Riege der bizarr klingenden Damen aus dem hohen Norden. Mit „Briefly Shaking“ entrückt sich Anja Garbarek dieser Zuordnung zwar zunehmend in musikalischer Hinsicht, aber in ihren Inhalten – sie schreibt Songs über die Gefühle eines Serienmöders oder versetzt sich in die aussichtslose Lage einer wehrlosen Geisel – passt sie voll und ganz ins Bild der obskuren Figuren, das die raue Musikwelt Skandinaviens liefert.

Vor „Briefly Shaking“ veröffentlichte die 36-Jährige, die vor etwas mehr als drei Jahren zum ersten Mal Mutter wurde, schon drei Alben. Allesamt unkonventionell, sound-mäßig geprägt von schrägen Elektro-Akustik-Kombinationen und sie schwanken in ihrer Aura immer irgendwo zwischen „beängstigend“, „verträumt und „albtraumhaft“. Eine kleine aber treue Fangemeinde schart sich seither um die verführerische Einzeltochter des berühmten Jazzmusikers mit polnischen Wurzeln.

Nach „Briefly Shaking“ wird sich diese Gruppierung der Gönner und Genießer zwangsläufig erweitern, denn das neue Album ist breiter – andere würden sagen „kommerzieller“ – als ihre vorigen Werke. Der Genre-Wildwuchs bleibt erfreulicherweise durchgehend erhalten, ein musikalischer Split, etwa vom Streichquartett zum perkussiven Synthi-Ostinato, geschieht auf „Briefly Shaking“ aber weniger drastisch, vielleicht einfach ein wenig „smoother“.

Es kommt immer darauf an, wie man's zusammensetzt
Die mancherorts getätigten Vorwürfe, sie würde damit bloß „ihre Zielgruppe erweitern“ oder etwa „zum Kommerz wechseln“, kann man allerdings so nicht gelten lassen. Sie selbst sagt: „Das Album ist souveräner und hat einen größeren Sound, […] aber da geht immer noch jede Menge seltsames Zeug ab!“ Und so ist es auch, denn der gemächlich trabende Mix aus Akustik-Gitarre, klassischen Instrumenten und verzerrten Elektro-Drums ergibt zusammen mit ihrer betörenden Säuselstimme eine doch ziemlich einzigartige Mischung. Und trotz des Einsatzes von vereinzelten Turntable-Scratches und grob verzerrten Stromgitarren hat „Briefly Shaking“ ebenso wenig mit „Alternative“ wie mit „Pop“ zu tun.

Im verträumt spazierenden Song „The Last Trick“ findet sich die für das Album namensgebende Zeile „this is the main title, briefly shaking“. Er handelt von einer kurzen Blackout-Phase nach der Geburt ihres Kindes, in der Anja einen kleinen lyrischen Burnout verspürte und alle ihre bisherigen Texte für schlichtweg falsch erachtete … davon hat sie sich jetzt ja wieder erholt.

Serienmörder - der Stoff aus dem die Lieder sind?
Ganz andere Seiten der Norwegerin, die übrigens ein ausgeprägtes Faible für Krimis hat, fördern die Titel „Can I Keep Him“ und „Sleep“ zutage. Bei ersterem wurde sie von einem englischen Serienmörder, dem gelernten Fleischhauer Dennis Nielsen inspiriert. Der hatte in den 80igern mindestens fünfzehn Männer zu sich nach Hause gelockt, mit ihnen geschlafen, sie im Bett stranguliert und sie nach sorgfältiger Aufbahrung im Wohnzimmer in seinem Garten verscharrt. Daraus strickt Anja die Lyrics „he followed me home, can I keep him?“ und setzt sie in ein musikalisches Ambiente, in das andere Künstler allerhöchstens ihre Erinnerungen an vergangene Liebschaften oder blühende Frühlingswiesen weben würden.

Im anderen Song „Sleep“ – nicht weniger bizarr und ebenfalls von wahrer Begebenheit inspiriert – versetzt sich Anja Garbarek in die Lage einer weiblichen Geisel, die in einem unterirdischen Bunker gefangen gehalten wird und fürchtet, nie mehr gefunden zu werden.

Sagt saure Sachen einfach zuckersüß
In seiner vielschichtigen Verpackung am meisten beängstigend und zugleich der gelungenste Song auf „Briefly Shaking“ ist „This Momentous Day“: Die säuselnde, spärlich musizierte Strophe wird in regelmäßiger Wiederkehr von einem brachialen Refrain unterbrochen, während grässliche Zeilen wie „there’ll be no fight, there’ll be a killing“ in einem musikalischem Zuckerguss aus Saxofon und Klarinette kleben.

Fazit: Seltsam, beängstigend ausgeklügelt und
auf keinen Fall auch nur annährend langweilig!
8 von 10 Krimi-liebenden Einzeltöchtern

Auf ihrer Website lässt Anja unter „Music“
in ihr gesamtes Album hineinhören.
Die Site kann auch in deutscher
Sprache dargestellt werden.


Christoph Andert

FOTOS © Bjørn Opsahl

Das könnte Sie auch interessieren
Für den Newsletter anmelden