Mi, 23. Mai 2018

Demenzprojekt

07.04.2015 08:51

Der Kampf gegen das Vergessen

Wenn die Erinnerungen verblassen: Tausende Steirer leiden an Demenz. Auch das Leben ihrer Angehörigen verändert sich durch die Krankheit dramatisch. In Deutschlandsberg bietet seit einigen Jahren eine Servicestelle Unterstützung. Wie erfolgreich sie arbeitet, zeigt ein Besuch bei Franz Hermann in Hollenegg.

Auch Demenzkranke denken in volkswirtschaftlichen Zusammenhängen: "Ich rauche seit meinem 16. Lebensjahr. Jetzt hör’ ich auch nicht mehr auf. Vater Staat muss ja von etwas leben", sagt Franz Hermann schmunzelnd, als er mit seinen Zigaretten ins Wohnzimmer geht. Schmäh hat er, der 77-Jährige aus Hollenegg. Seine Tochter Monika Pabst, die im selben Haus wohnt, ebenso. Tränen des Lachens rollen ihr über das Gesicht, als sie so manche Episode aus den vergangenen Jahren erzählt. "Das Wichtigste ist, immer den Humor zu behalten."

Auf Beilagen und Medikamente vergessen
Vor sieben Jahren machte sich die Demenzerkrankung bei ihrem Vater bemerkbar. Er reagierte im Auto nicht mehr rasch, wenn eine Ampel auf Grün schaltete. Er vergaß Beilagen zum Fleisch zu kochen. Medikamente blieben liegen. Ein Spitalsaufenthalt brachte ein drastische Verschlechterung: Der Weststeirer fand sein Zimmer nicht und irrte im falschen Stockwerk umher. Kein Vergleich zum Franz Hermann des Jahres 2015: Er macht Gästen Kaffee ("ich bin ein richtiger Hausmann"), schafft mit seinem Rollator kleinere Spaziergänge, nimmt selbst Tabletten ein.

Erfolg nach wenigen Wochen
Einen großen Anteil an der Verbesserung hat Manuela Künstner. Vor fünf Jahren hat sie in Deutschlandsberg das Demenzserviceprojekt "Gemmas an" ins Leben gerufen. Franz Hermann war Klient Nummer 1. Mittlerweile gibt es zehn Trainerinnen, zwei Psychologinnen und eine Diplomkrankenschwester. Ihr Repertoire: Gedächtnis- und Wahrnehmungstraining, körperliche Aktivierung, das Lernen von Alltagsaktivitäten wie Anziehen, Kochen, Schreiben von Einkaufslisten – in Gruppen oder einzeln bei den Betroffenen zuhause. Künstner: "Meistens stellt sich schon nach wenigen Wochen Erfolg ein."

"Viele fühlen sich im Stich gelassen"
Ihr liegt neben den Betroffenen eine weitere Gruppe am Herzen: die Angehörigen, mit denen sie lange Gespräche führt. "Viele fühlen sich im Stich gelassen. Die Hauptlast tragen meist jene, die im selben Haus oder in der Nähe wohnen." Die Dankbarkeit der Familien ist groß. Mit Monika Pabst verbindet Künstner mittlerweile eine Freundschaft. "Sie ist wie ein Familienmitglied", sagt Pabst. "Wenn wir auf Urlaub fahren, bleibt Manuela bei meinem Vater. In dieser Zeit tanke ich Energie für das restliche Jahr." Diese Kraft braucht sie auch. In der Nacht stellt sie Zeitungen zu ("da ist ja mein Mann zuhause"), tagsüber ist sie nie länger als zwei Stunden weg – zu groß ist die Sorge um den Vater. "Bei jedem ,Pumperer‘ reißt es mich."

Das Geheimnis des Weins...
Mittlerweile wurde das Deutschlandsberger Demenz-Modell auch auf den Bezirk Leibnitz ausgeweitet. Geht es nach der Politik, sollen weitere Regionen folgen. Dann könnten noch mehr Menschen einen so erfolgreichen Kampf gegen das Vergessen führen wie Franz Hermann. Auch wenn der – augenzwinkernd – eine logische Erklärung für seinen verbesserten Zustand hat: "Vor Jahren hatten wir noch nicht so einen guten Wein."

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