Do, 24. Mai 2018

Germanwings-Absturz

05.04.2015 19:21

Neurologe: "Lubitz war kein Täter, sondern Opfer"

Spätestens seit der Auswertung des Flugdatenschreibers steht für die Ermittler fest: Der Absturz der Germanwings-Passiermaschine am 24. März war kein Unfall. Co-Pilot Andreas Lubitz habe das Flugzeug absichtlich in den Sinkflug gebracht und sich selbst und 149 andere Menschen in den Tod gesteuert, so die Erkenntnisse. Für die meisten ist die Schuldfrage damit geklärt, doch ein US-Arzt ist da anderer Ansicht: "Andreas Lubitz ist kein Täter im klassischen Sinne, vielmehr ein Opfer."

Der US-Neurologe Robert M. Sapolsky vertritt die Ansicht, dass es falsch wäre, den 27-jährigen Co-Piloten pauschal als Massenmörder zu verurteilen. In einem Beitrag für die "LA Times" schreibt er: "Nicht Andreas Lubitz hat das getan, es war seine Krankheit."

Lubitz habe aufgrund seiner Depression keinen Einfluss mehr auf seine Entscheidungen gehabt, so Sapolsky, der Professor für Neurologie an der renommierten Stanford-Universität ist. "Der Germanwings-Absturz hatte 150 Opfer, nicht 149", schreibt er. Der Germanwings-Co-Pilot litt unter schweren Depressionen, war für den Absturztag sogar krankgeschrieben.

Jeder Sechste leidet an Depressionen
Depressionen seien eine der am häufigsten auftretenden Krankheiten weltweit, schreibt Sapolsky in seinem Beitrag. Etwa jeder Sechste leide im Laufe seines Lebens unter einer solchen Störung. Viele Betroffene würden versuchen, ihre Erkrankung zu verbergen, aus Angst vor Stigmatisierung. Die Krankheit sei aber biologischen Ursprungs, genau wie etwa Diabetes: "Eine Depression ist wie alle psychischen Erkrankungen eine Störung. Sie bringt den Betroffenen in einen Zustand, bei dem das Wesen aufgrund biologischer Veränderungen nicht wiederzuerkennen ist."

Co-Pilot Lubitz kämpfte offenbar sehr lange gegen seine Krankheit. Vor einigen Jahren musste er seine Pilotenausbildung deswegen sogar für einige Zeit unterbrechen. Für Sapolsky ist der 27-Jährige allerdings ein Ausnahmefall. Die meisten Menschen, die unter Depressionen leiden, würden nicht zu aggressiven Handlungen neigen, schreibt der Mediziner.

Neurologe gegen Pauschalurteile
Man dürfe daher nicht pauschal urteilen: "Wenn die beispiellose Tat von Andreas Lubitz Menschen, die unter Depressionen leiden, dazu bringt, ihre Krankheit zu verstecken, zu verleugnen oder zu ignorieren, wie das schon jetzt so oft der Fall ist, wird die Zahl der Unschuldigen, die umkommen, 150 klein erscheinen lassen."

Bei den Lesern der "LA Times" stieß die Analyse des Neurologen nur bedingt auf Verständnis. So schreibt ein User in den Kommentaren unter dem Artikel: "Wir alle kennen Menschen, die an Depressionen leiden, jedoch haben nur wenige von ihnen die Fähigkeit, einen Massenmord zu begehen."

Andere werfen Sapolsky vor, die Tat zu verharmlosen. Lubitz sei ein Massenmörder, kein Opfer, schreibt einer: "Er hatte ja schließlich die Wahl." Ein User mit dem Nickname "San Diego" fordert die Medien auf, keine Fotos von Lubitz mehr zu veröffentlichen: "Das ist doch genau die Aufmerksamkeit, die er wollte."

Verschwieg Lufthansa Informationen zu Lubitz?
Die Ermittlungen nach der Katastrophe gehen unterdessen weiter. Das deutsche Luftfahrtbundesamt (LBA) will nichts über die medizinische Vorgeschichte des Co-Piloten gewusst haben. Bis zur Akteneinsicht beim Flugmedizinischen Zentrum der Lufthansa nach dem Absturz habe die Behörde über "keinerlei Informationen" dazu verfügt, teilte das LBA der "Welt am Sonntag" mit.

Laut dem Zeitungsbericht hätten die Lufthansa-Ärzte, die den Piloten in den Jahren von 2009 bis 2014 untersucht hatten, das Luftfahrtbundesamt im Falle einer vermuteten Depression informieren müssen. Ein Flugmediziner muss seit April 2013 bei schweren Krankheiten wie einer Depression den Fall an die Aufsichtsbehörde verweisen. Seitdem habe es noch zwei Tauglichkeitsprüfungen bei Lubitz gegeben, und zwar im Sommer 2013 und 2014. So soll es in seiner Fluglizenz zudem einen sogenannten SIC-Vermerk gegeben haben, der vorschreibt, dass der untersuchende Arzt die lizenzvergebende Behörde kontaktieren muss. Das sei aber nicht passiert. Die Lufthansa wollte sich zu dem Fall nicht äußern.

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