Mi, 23. Mai 2018

Nach Blackbox-Fund

04.04.2015 10:31

Airbus-Absturz: Was die Ermittler bis jetzt wissen

Nach dem Fund des zweiten Flugschreibers wird für die Ermittler immer klarer, was am 24. März mit dem Airbus A320 der Fluglinie Germanwings passiert ist. Die Daten der Blackbox vervollständigen das Bild jenes Mannes, der alleine im Cockpit saß und die Maschine absichtlich gegen eine Bergwand steuerte. Ein Überblick der bisherigen Erkenntnisse:

Der Germanwings-Flug Nummer 9525 startete am 24. März um 10 Uhr in Barcelona mit dem Ziel Düsseldorf. Um 10.30 Uhr hatte die Maschine zum letzten Mal Funkkontakt mit der französischen Flugsicherung. Der Airbus befand sich zu dieser Zeit etwa in 11.500 Metern Höhe und flog mit einer Geschwindigkeit von 880 Kilometern in der Stunde. Kurz darauf verließ Kapitän Patrick S. das Cockpit, um auf die Toilette zu gehen.

Doch der Flugkapitän konnte nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurückkehren, die Cockpit-Tür blieb verschlossen. Auf den Aufnahmen des bereits am Unglückstag gefundenen Stimmenrekorders ist der regelmäßige Atem von Co-Pilot Andreas Lubitz zu hören - ein Hinweis darauf, dass er nicht etwa ohnmächtig, sondern bis zuletzt bei Bewusstsein war und absichtlich die Tür versperrt hatte. Zudem sollen Schläge gegen die Tür sowie die Stimme des Kapitäns zu hören sein.

Co-Pilot leitete Sinkflug ein
Die Daten des am Freitag gefunden Flugdatenschreibers untermauern diese These. Anhand der gespeicherten Daten wurde es nun endgültig Gewissheit, dass Lubitz den Autopiloten veränderte, um das Flugzeug in einen Sinkflug auf eine Höhe von 100 Fuß - umgerechnet etwa 30 Meter - zu bringen. "Dann hat der Pilot während des Sinkflugs mehrfach die Einstellungen des Autopiloten geändert, um die Geschwindigkeit des sinkenden Flugzeugs zu erhöhen", teilten Experten der französischen Luftverkehrsuntersuchungsbehörde BEA mit.

Bereits seit kurz nach dem Absturz war bekannt, dass Lubitz die Ausbildung in der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa für mehrere Monate unterbrochen hatte. Laut Düsseldorfer Staatsanwaltschaft war Lubitz damals selbstmordgefährdet. Lufthansa hatte mitgeteilt, der Co-Pilot habe die Schule 2009 in einer E-Mail über eine "abgeklungene schwere depressive Episode" informiert. Er wurde danach aber als flugtauglich eingeschätzt.

Lubitz war krankgeschrieben
Bei der Durchsuchung der Düsseldorfer Wohnung des 27-Jährigen beschlagnahmten Beamte zahlreiche medizinische Unterlagen, denen zufolge ein Psychiater Lubitz für fast zwei Wochen, inklusive dem Tag des Unglücks, krankgeschrieben hatte - wohl wegen einer bipolaren Störung. Nach Angaben der Ermittler zerriss der junge Pilot das Attest und trat seinen letzten Flug an.

Zuletzt teilte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft mit, dass sich Lubitz in den Tagen vor dem Unglück im Internet über Umsetzungsmöglichkeiten eines Suizids informiert hatte. Die Ermittler hatten diese Erkenntnis durch die Auswertung von Lubitz' Tablet gewonnen. Auch suchte der 27-Jährige seinem Browser-Verlauf zufolge nach Informationen zu den Sicherheitsvorkehrungen an Cockpit-Türen.

"Spiegel": Co-Pilot suchte zahlreiche Ärzte auf
Der Co-Pilot hatte in der vergangenen Zeit mehrere Ärzte aufgesucht. Wie der "Spiegel" berichtet, wurde Lubitz bei mindestens fünf Medizinern vorstellig, darunter Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie. Die Ermittler stellten seine Krankenakten in den Praxen sicher. Auch ließ er sich vor wenigen Wochen in der Düsseldorfer Uni-Klinik untersuchen.

Die Rolle von Lufthansa und Germanwings bei diesem Drama mit 150 Todesopfern steht ebenfalls noch im Fokus der Ermittlungen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr erklärte wiederholt, der Konzern habe keine Hinweise auf psychische Probleme von Lubitz gehabt. Der 27-Jährige sei "ohne jegliche Auffälligkeit" und "zu 100 Prozent flugfähig" gewesen. Auch ein Sprecher von Germanwings sagte, man habe nichts von der Erkrankung geahnt. Dazu hätte Lubitz selbst auf den Arbeitgeber zukommen müssen.

Zwei-Personen-Regel und weitere Konsequenzen
Dennoch müssen sich die Airlines den Vorwurf gefallen lassen, dass man den Piloten trotz massiver psychischer Probleme die anspruchsvolle Flugausbildung wieder aufnehmen ließ. Als erste Konsequenz nach dem Absturz führten zahlreiche Airlines die Zwei-Personen-Regel ein, wonach ein einzelner Pilot zu keinem Zeitpunkt allein im Cockpit sein darf.

Auch eine Änderung der Technik der Cockpit-Türen wird derzeit diskutiert. Mehrere Arbeitsgruppen wurden gestartet. Die Türen waren nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 massiv verstärkt und per Zutrittscode gesichert worden. Auch die aktuellen Regeln zum medizinischen Tauglichkeitszeugnis für Piloten sowie die im Beruf üblichen psychologischen Testverfahren werden überdacht.

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