Mo, 18. Dezember 2017

Absturz verursacht

26.03.2015 22:29

Experte: Viel spricht für psychische Erkrankung

Die Flugzeugkatastrophe in Frankreich mit dem Co-Piloten als Auslöser führt automatisch zur Frage, welche psychischen Hintergründe als mitbeteiligte Ursachen zu finden sein könnten. Die extrem hohe Aggressivität mit dem absichtlichen zum Absturzbringen eines Flugzeugs mit 150 Insassen passt laut dem Psychoanalytiker Stephan Doering vom AKH Wien wenig zu einem Selbstmord infolge von Depressionen. Am ehesten würde noch ein "psychotisches Krankheitsbild" vorstellbar sein. Dennoch müsse man sehr vorsichtig mit voreiligen Schlüssen sein.

"Zunächst muss man sagen, dass derzeit alles, was man sagt, Spekulation ist und bleibt", betonte Doering, Leiter der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MedUni Wien im AKH, am Donnerstag gegenüber der APA. Man sollte sich aber eines Faktums rund um die menschliche Psyche bewusst sein: "Es gibt nichts, was es nicht gibt."

Depression als Ursache wenig wahrscheinlich
Die extreme Aggressivität der Tötung der eigenen Person und 149 anderer, fremder Menschen spricht laut dem Experten allerdings wenig für einen Selbstmord infolge einer depressiven Erkrankung. "Der Depressive hat an sich schon Schuldgefühle. Für einen schwer depressiven Menschen wäre es ungewöhnlich, so viele andere Menschen mit in den Tod zu reißen." Zwar sei der Suizid eine gegen sich und manchmal auch gegen die nächsten Angehörigen gerichtete Aggression, aber solche Ausmaße wie bei dem Flugzeugunglück derzeit vermutet, wären sehr atypisch.

Doering betonte, dass - sollten die Abläufe wirklich so gewesen seien, wie die derzeitigen Hypothesen lauten - bei vorliegenden psychischen Störungen eher an ein "psychotisches Krankheitsbild" zu denken sei. Da komme es manchmal zu einem Verlust der Kontrolle über die Realität, zum Beispiel unter dem Einfluss von "Stimmen", die etwas befehlen würden. Eine Schizophrenie sei ein mögliches, aber nur eines von mehreren psychotischen Krankheitsbildern. Eine weitere Möglichkeit wäre auch noch eine schwere Persönlichkeitsstörung.

Psychische Störungen nicht "auf Knopfdruck" da oder weg
Nicht wirklich zu diesem Bild passt, dass es bisher gut belegte Berichte gibt, wonach sich Pilot und Co-Pilot der Germanwings-Maschine vor der Tragödie 20 Minuten lang im Cockpit normal unterhalten haben. Psychische Störungen seien laut Doering nicht "auf Knopfdruck" da oder wieder weg. Nicht außer Betracht lassen dürfe man bei den bisher bekannten Sachverhalten aber auch eine Möglichkeit, an die man ebenfalls zu denken habe, so Doering: "Das ist die Möglichkeit einer solchen Tat aus einem politischen Motiv." Für politisch motivierte Selbstmordattentäter gelten ganz andere Maßstäbe. "Psychopathologisch ist das aber auch", sagte der Experte.

Berufspiloten müssen in Europa jährlich bei flugmedizinischen Sachverständigen zum Gesundheitscheck, ab dem 50. Lebensjahr sogar alle sechs Monate. Bei psychologischen Auffälligkeiten werden Bewerber oder aktive Flieger an spezielle Luftfahrtpsychologen weiterüberwiesen, erklärte Walter Ebm, Leiter des Aeromedical Centers in Wien. Die Kriterien für die Checks werden von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit eindeutig vorgegeben und sind damit in der EU einheitlich. Untersucht werden vor allem das Seh- und das Hörvermögen. Auch Vorerkrankungen werden laut dem Internisten in die Beurteilung hineingenommen, etwa um die Gefahr zu minimieren, dass ein Pilot während des Fluges plötzlich bewusstlos wird. Mit 65 Jahren wird Berufspiloten dann eine Altersgrenze für ihren Job gesetzt.

Auch die Grunduntersuchung, wenn jemand den Pilotenschein machen möchte, sieht keinen psychologischen Test vor, betonte Ebm. Erst bei Auffälligkeiten werden Luftfahrtpsychologen eingeschaltet. Ein Anzeichen könnte beispielsweise sein, dass ein Anwärter bei der Musterung des Bundesheeres aus psychologischen Gründen untauglich war. "Depressionen sind dagegen besonders unangenehm zu beurteilen", sagte der Flugmediziner. Hier gebe es bei der Rückfälligkeit einen gewissen Unsicherheitsfaktor. Die Mediziner sind außerdem zu gewissen Teilen auf die freiwilligen Angaben der Bewerber angewiesen. "Es ist nicht möglich, eine bestätigte Krankengeschichte zu bekommen", erläuterte Ebm. "Wir fragen aber selbstverständlich nach Krankenhausaufenthalten."

"Aussetzer" ziehen psychologische Checks nach sich
Bei der Ausbildung oder in der aktiven Laufbahn können laut Ebm gewisse "Aussetzer" beim Fliegen genauere psychologische Checks nach sich ziehen. Es gebe auch Fälle, wo Piloten Probleme bei ihren Kollegen melden und so auf psychische Probleme aufmerksam machen. Weitere typische Auffälligkeiten seien etwa Anzeigen wegen Trunkenheit im Straßenverkehr. Hier könne die Austro Control als zuständige Behörde in Österreich den Flugschein einziehen, sagte der Experte.

Angehende Berufspiloten, die die Grunduntersuchung positiv absolviert haben, werden bei renommierten Fluglinien wie der Lufthansa unternehmensinternen psychologischen Tests unterzogen, beschrieb Ebm die weiteren Vorgänge für Pilotenanwärter. Das sei für die Airlines schon aufgrund der teuren Ausbildung wichtig, um die Kandidaten gleich zu Beginn auszusortieren. "Es ist sehr unglücklich, dass das gerade bei Germanwings beziehungsweise der Lufthansa passiert ist", betonte der flugmedizinische Sachverständige. Denn gerade dort würden "die strengsten Auswahlkriterien" herrschen.

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