Mo, 18. Dezember 2017

Schauspielhaus Graz

20.03.2015 15:14

Passionsspiel statt scharfer Kritik

Der bosnisch-kroatische Regisseur Oliver Frljc will viel mit seiner "Woyzeck"-Fassung am Grazer Schauspielhaus. Unter anderem, dem Publikum seine latente Mittäterrolle verdeutlichen. Mit Bibelzitaten und sexuellen Handlungen motzt er Büchners Text auf – banalisiert dadurch aber die dort so starke Sozialkritik.

Woyzeck ist auch schon bei Büchner ein Opfer. Ausbeutung und Erniedrigung pickt Frljc aus dem Text-Fragment heraus. Er zeigt die Figur als gepeinigten Hofhund, der (vor allem sexuell ausgelebten) Willkür seiner Umgebung ausgeliefert. Auch Woyzecks Liebe Marie ist hier nur ein Mittel zur Manipulation, zur Demütigung. So weit, so gut – doch die Eingriffe in Büchners starken Text, die Kürzungen sowie die Ergänzungen aus der Bibel machen diese Erniedrigung nicht deutlicher, sondern kleiner, banaler. Einen (vielleicht erhofften?) Skandal ruft die teilweise recht drastische Verbindung von Sex und Religion hierzulande auch nicht hervor, da ist das Publikum nicht zuletzt "herbst"-bedingt mehr gewohnt. So bleibt hauptsächlich Ratlosigkeit über diesen "Woyzeck".

Großer schauspielerischer Einsatz
Den Schauspielern ist dabei kein Vorwurf zu machen, sie werfen sich allesamt mit viel Engagement und Körperlichkeit in ihre Rollen. Franz Solar ist als Woyzeck ein eindrücklich leidendes, entmenschlichtes Wesen, Philine Bührer eine nicht minder ausgelieferte Marie. Katharina Klar, Sebastian Klein, Florian Köhler, Christoph Rothenbuchner, Franz Xaver Zach und Gerti Pall geben mitunter sehr beklemmend das Kollektiv der Unterdrücker.

Bühnenbild hat eine Hauptrolle
Eine Hauptrolle kommt dem Bühnenbild von Igor Pauka zu: ein überdimensionaler Spiegel, manchmal transparent, der das Publikum zum Mittäter macht. Auch nicht unbedingt neu, aber doch eindrucksvoll. Ansonsten ein Theater-Experiment mit nur wenig Büchner-Anteil.

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