Sa, 18. November 2017

Notiz aufgetaucht

06.03.2015 14:22

Nemzow wollte vor Mord „Lügen Putins“ aufdecken

Der ermordete Putin-Kritiker Boris Nemzow hat offenbar bis kurz vor seinem Tod an einem Bericht über die Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt gearbeitet. Das zeigt eine handschriftliche Notiz, die der Oppositionspolitiker nach Angaben seiner Vertrauten Olga Schorina einen Tag vor dem Attentat eilig niederschrieb. "Fallschirmjäger aus Iwanowo haben mit mir Kontakt aufgenommen", ist auf dem A4-Blatt zu lesen. Nemzows Mitstreiter Ilja Jaschin sagte, der 55-Jährige habe Hinweise und Dokumente zusammenstellen wollen, die eine Präsenz der russischen Armee in der Ukraine beweisen und "die Lügen Präsident Putins" aufdecken würden.

Ob das Dokument, das Schorina nun der Nachrichtenagentur Reuters zeigte, authentisch ist, ließ sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen. Schorina sagte, Nemzow habe Angst gehabt, dass der Geheimdienst sein Büro verwanzt habe. "Er wollte es nicht laut aussprechen, darum hat er es für mich aufgeschrieben."

Kreml weist Verwicklung in "schändliche Tragödie" zurück
Einen Tag später wurde Nemzow unweit des Kremls mit mehreren Schüssen in den Rücken getötet. Nach Ansicht von Freunden könnte seine Arbeit zum Ukraine-Konflikt ein Grund für die Ermordung gewesen sein. Die russische Führung hat jegliche Verwicklung in das Attentat zurückgewiesen. Präsident Wladimir Putin bezeichnete Nemzows Tod eine "schändliche Tragödie". Die Hintergründe der Tat sind ungeklärt.

Bericht: "Putin und der Krieg"
Nemzow hatte bereits zuvor acht Berichte veröffentlicht, die die nach seiner Auffassung herrschenden Missstände unter Putin entlarven sollten. Der Titel des letzten Berichts, an dem er arbeitete, sollte nach Angaben Jaschins "Putin und der Krieg" lauten. Nemzow habe nach eigenen Angaben Kontakt zu Familien russischer Soldaten gehabt, die in der Ukraine getötet worden seien. Er habe vorgehabt, Eltern dieser Soldaten in Iwanowo zu treffen, sagte Jaschin.

Die Stadt liegt etwa 300 Kilometer nordöstlich von Moskau. Einheiten der 98. Fallschirmjägerdivision sind dort stationiert. Auch die Soldaten, die in Nemzows womöglich letzter Notiz erwähnt werden, sollen den Einheiten angehören. "Bis jetzt haben sie Angst, zu sprechen", ist auf dem Zettel zu lesen.

Vertraute wollen Nemzows Recherchen veröffentlichen
Nemzow habe gleichwohl nicht vorgehabt, brisante Neuigkeiten zu veröffentlichen, sagte Schorina. Das meiste Material, das er zusammengetragen habe, sei offen zugänglich. Nach ihrem Wissen habe Nemzow vor seinem Tod nur noch ein Inhaltsverzeichnis verfasst, die anderen Berichte habe er ihr meistens aus dem Gedächtnis diktiert. Sie und Jaschin würden nun versuchen, Nemzows Bericht in einem Monat zu veröffentlichen.

Freundin erhält Morddrohungen in der Ukraine
Nun gerät offenbar auch die Freundin des Ermordeten ins Visier. Ganna Durizka erhält laut eigenen Angaben seit ihrer Rückkehr in die Ukraine laufend Morddrohungen. Die 23-Jährige wird derzeit von Spezialkräften der Polizei bewacht, nähere Angaben zu den Morddrohungen machten die Behörden nicht. Durizka war am Montagabend in ihre Heimat zurückgekehrt, nachdem sie tagelang in Moskau gegen ihren Willen von den Sicherheitskräften festgehalten worden sein soll. Ein Sprecher des russischen Ermittlungskomitees wies den dahingehenden Vorwurf der jungen Frau allerdings zurück.

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