So, 19. November 2017

Graz Literaturhaus

04.03.2015 00:56

Ein Haus mit durchlässigen Mauern

Mit einem Augenzwinkern verabschiedet sich Gerhard Melzer in den Ruhestand: "Melzer geht" hat er das Abschiedsfest überschrieben, das am Donnerstag für ihn im Literaturhaus gegeben wird. Und wo einer geht, muss auch ein Neuer kommen: Klaus Kastberger übernimmt Melzers Professorenstuhl an der Germanistik und die Leitung von Nabl-Institut und Literaturhaus. Eine erste Begegnung.

"Ich bin schon gespannt, ob sich der Tratsch in echtes Interesse übersetzt", sagt Klaus Kastberger schmunzelnd zwischen zwei Sushi-Häppchen. Zum Essen kommt er erst am Ende seines ersten offiziellen Arbeitstages in Graz. Das Interesse am neuen Mann im Literaturhaus ist groß – die Erwartungen ebenso. Ihm ist klar, dass er nicht alle erfüllen wird können, aber er will "in viele Richtungen Angebote machen und nicht meinen Geschmack aufoktroyieren", erklärt er.

Archive öffnen
Kastberger ist Experte für die österreichische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, Herausgeber einer historisch-kritischen Ausgabe von Ödön von Horváths Gesamtwerk und hat zuletzt an einer digitalen Plattform zu Peter Handke gearbeitet. Ähnliches könne er sich auch für das Archiv des Nabl-Instituts vorstellen: "Die Zukunft von Archiven ist nicht, die Originale abzuschaffen, sondern diese leichter zugänglich zu machen und die Lust, sich damit zu beschäftigen, zu fördern." Auch für die wissenschaftliche Auseinandersetzung am Institut wünscht er sich eine gestärkte Außenwirkung, wie es sie mit der Dossier-Reihe im Droschl-Verlag bereits gegeben habe.

Literaturstadt Graz
An Graz als Literaturstadt schätzt Kastberger natürlich die großen Namen der Vergangenheit – auch wenn er beobachtet hat, dass diese anderswo mehr geschätzt würden als hier: "Ich hab das Gefühl, man ist zwar stolz auf Namen wie Handke, Schwab, Bauer oder Gruber, aber glaubt selber nicht ganz daran, dass Graz einmal diese Relevanz hatte."

Auch die junge Szene beschreibt er als unglaublich lebendig: ",Indigo‘ von Clemens Setz zum Beispiel war eines meiner großen Leseerlebnisse der vergangenen Jahre. Und auch Valerie Fritsch schätze ich." Beide Autoren entstammen der am Literaturhaus angesiedelten "plattform": "Solche Basisinitiativen finde ich sehr reizvoll und sehe in ihnen auch eine mögliche Zukunft der Literaturhäuser. Sie müssen durchlässige Mauern haben, über die Grundfesten hinaus in der Stadt wirken."

Räume öffnen statt Saal füllen
Das klassische Format der Lesung sei dabei bestenfalls ein mögliches Modell: "Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Leute zu Lesungen kommen. Ich finde solche Veranstaltungen nur sinnvoll, wenn man als Besucher tatsächlich auch einen anderen Zugang zum Werk findet." Zu helfen, solche Momente zu schaffen, darin sieht er eine Aufgabe.

Auslastungszahlen sind dabei zweitrangig: "Wenn ein smarter Buchhändler meinen Job bekommen hätte, wäre das Haus wahrscheinlich dauernd ausverkauft. Aber es geht nicht immer darum, den Saal zu füllen, sondern auch diskursive Räume zu öffnen. Es gibt eine Publikumswirksamkeit jenseits des Mainstream."

Kastberger im Mainstream-Ring
Dabei steigt Kastberger heuer als Juror beim Bachmann-Preis selbst in den Mainstream-Ring: "Ich habe mich gewundert, dass ich gefragt wurde, weil ich seit Jahren ein Kritiker der Veranstaltung bin. Aber vielleicht ist das beste, was man für den Bachmannpreis tun kann, über ihn zu schimpfen. Und hin und wieder hilft er ja auch den Richtigen ein Stück weiter nach oben!"

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