Mo, 20. November 2017

Weg aus Kosovo

14.02.2015 09:00

„Ich muss abhauen und ein neues Leben beginnen“

Im Halbdunkel des Busbahnhofs in Pristina herrscht wie jeden Abend Trubel. Mit Kind und Kegel besteigen die Familien Busse in Richtung Deutschland oder Österreich. Verwandte winken zum Abschied, einige weinen. "Ich muss abhauen und ein neues Leben beginnen", sagt ein 30-jähriger Mann aus der Stadt Orahovac, der seinen Namen lieber nicht nennen will.

Er ist zunächst nur gekommen, um einige seiner Lieben zu verabschieden, sagt der Mann. "Aber nächste Woche werde auch ich nicht mehr hier sein." "Was können wir denn tun? Es gibt weder Arbeit noch Perspektive", ist er verzweifelt: "Ich werde dahin gehen, wo alle hingehen, nach Deutschland". "Die Politiker kümmern sich doch nicht um uns. Denen ist nur wichtig, ihre eigenen Taschen vollzustopfen. Die Regierung ist eine Null, ein Nichts."

"Ich habe keine Arbeit und kein Geld"
Saim Rashica kommt aus Kosovo Polje gemeinsam mit seinem etwa zwölf Jahre alten Sohn. Auch er verabschiedet Freunde und Verwandte. "Ich habe keine Arbeit und kein Geld, muss aber für Wasser und Strom bezahlen", stöhnt der Mann. "Dieser Staat tut doch nichts für uns. Ich habe die Nase gestrichen voll."

Ein letztes Eisen habe er noch im Feuer, beschreibt der Mann seine Lage. Er habe sich nämlich bei der staatlichen Stromgesellschaft als Baggerfahrer beworben. "Wenn das nicht klappt, bin ich weg. Ich will wieder zurück nach Deutschland", sagt Rashica.

Dort war er schon einmal vier Jahre lang. In Mosbach bei Heilbronn. Auch dort habe er als Baggerfahrer gearbeitet, sagt der Mann in gebrochenem Deutsch. Im Jahr 2000 sei er dann "freiwillig" zurückgekommen, um seiner drohenden Abschiebung zuvorzukommen, räumt er ein.

Bei Nacht versuchen die Menschen nach Ungarn zu kommen
Es ist inzwischen 22 Uhr. Die Busse sind in Richtung Serbien abgefahren. Dort werden sie versuchen, nördlich der Grenzstadt Subotica zu Fuß über die grüne Grenze nach Ungarn in die gelobte EU zu kommen. Seit dieser Woche patrouillieren dort auch 20 deutsche Polizisten mit Autos und Wärmebildkameras. Sie sollten bald von österreichischen Kollegen Verstärkung erhalten.

Seit Wochen wandern Kosovaren in Scharen aus ihrem Land aus. Offizielle Schätzungen gibt es nicht, aber Medienberichte sprechen von etwa 50.000 Auswanderern im Dezember und Jänner. In Österreich beantragten allein im Jänner 1.029 Kosovaren Asyl - im gesamten Vorjahr waren es nur 1.901 Menschen. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner möchte abgelehnte Asylwerber aus dem Kosovo künftig alle zwei Wochen in Gruppentransporten per Flugzeug abschieben.

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