Mi, 13. Dezember 2017

Was will die Frau?

09.02.2015 06:00

Der Mega-Hype um "Fifty Shades of Grey"

Fesselspiele, Peitschenhiebe und andere Sadomaso-Praktiken: Die erotische Roman-Trilogie "Shades of Grey" über devote Hingabe und sexuelle Dominanz übertraf alle Erwartungen und stürmte weltweit die Bestsellerlisten. Kein Wunder, dass da auch eine Kinoverfilmung nicht lange auf sich warten ließ. Die Fans können den Start diese Woche kaum erwarten: Allein die Kinokette Cineplexx hat bereits mehr als 33.500 Tickets im Vorverkauf an die Frau und vielleicht sogar an manchen Mann gebracht. Und auch die Erotik- und Dessousbranche jubiliert ob des lüsternen Hypes.

Wer in diesen Tagen ein erotisches Geschenk für den Valentinstag sucht, der kann aus einer ganz besonderen Reihe wählen: der Produktserie "Fifty Shades of Grey". Da gibt es Peitschen, Fesseln, Handschellen oder Liebeskugeln. "Der Renner daraus waren zuletzt ein Glasdildo und ein vibrierender Penisring", sagt Susanne Gahr, Pressesprecherin des Erotikhändlers Orion.

Die Sexshop-Kette hat sich vorbereitet auf den Kinostart von "Fifty Shades of Grey", jener Trilogie von Autorin E.L. James, die Sadomaso in den vergangenen Jahren salonfähig gemacht zu haben scheint. Am 12. Februar kommt die Verfilmung des Bestsellers über die unschuldige Studentin Anastasia Steel, die von dem erfolgreichen Unternehmer Christian Grey in die SM-Welt eingeführt wird, in die Kinos. Die Hauptrolle spielt Dakota Johnson, Tochter von Melanie Griffith und Don Johnson.

Neun Millionen Mal wurden die Bücher in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauft. Sie lösten auch einen Sexspielzeug-Boom aus. So verkaufte Orion nach eigenen Angaben deutlich mehr Peitschen und Fesseln; auch Liebeskugeln wurden zum Verkaufsschlager.

Ansturm auf Kino-Tickets
Auch die österreichischen Kinos verzeichnen bereits vor Kinostart regen Ansturm: Beim heimischen Marktführer Cineplexx wurden mittlerweile mehr als 33.500 Tickets im Vorverkauf verkauft - ein Rekord.

Der Erfolg ist wohl vor allem ein gesellschaftliches Phänomen. Das Besondere: Kaum jemandem scheint es unangenehm zu sein, den Film in aller Öffentlichkeit anzuschauen oder das Buch gut sichtbar im Zug zu lesen. "Die Kunden gehen offen mit dieser Buchreihe um", teilt die Buchhandelskette Hugendubel in München mit, die "eine bunt gemischte Käufergruppe" sieht - "tendenziell mehr Frauen als Männer in der Altersgruppe von 20 bis 60 Jahren".

Für "Shades" schämt man sich nicht
"Faszinierend ist an dem Phänomen, dass so etwas in der Öffentlichkeit gelesen wird", sagt auch der Soziologe Sven Lewandowski von der Uni Würzburg, Autor von "Die Pornographie der Gesellschaft. Beobachtung eines populärkulturellen Phänomens". Er erinnert sich an eine Situation im Zug, in der vier Frauen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft "Shades of Grey" lasen, während er selbst ein Buch von Alice Schwarzer aufgeschlagen hatte. "Es scheint etwas zu sein, wofür man sich nicht schämen muss. Man stelle sich mal vor, ich würde als Mann irgendein Pornoheft auspacken."

Lewandowski ist nicht der einzige Wissenschafter, der sich mit dem sensationellen Erfolg der Sadomaso-Trilogie auseinandergesetzt hat, der vergleichbar ist mit dem von "Harry Potter". Die israelische Soziologin Eva Illouz schrieb eine Abhandlung mit dem Titel "Die neue Liebesordnung: Frauen, Männer und Shades of Grey". Und Amy Bonomi, Professorin an der Michigan State University, hat sich in einer Studie mit den Leserinnen der Buchreihe befasst. Die Kurzfassung der Ergebnisse: Die durchschnittliche "Shades of Grey"-Leserin trinkt öfter mal einen über den Durst und hatte in ihrem Leben fünf oder mehr Sexpartner.

Männer: Was wollen die Frauen plötzlich?
Auch die TV-Sex-Expertin Paula Lambert ("Paula kommt") hat eine Meinung zum Bucherfolg: Ihrer Erfahrung nach haben die Bücher vor allem die Männer durcheinandergebracht. "Die waren eine Zeit lang wirklich verunsichert: Was wollen die Frauen plötzlich von uns? Warum müssen wir sie mit Handschellen fesseln? Warum wollen sie, dass wir ihnen auf den Hintern hauen?" Das Gute sei aber, "dass die Leute angefangen haben, über ihre Bedürfnisse zu sprechen".

An eine durchschlagende gesellschaftliche Wirkung glaubt der Soziologe Lewandowski dagegen eher nicht. "Alle fünf bis zehn Jahre schreibt irgendeine Frau irgendein pornografisches Buch und das wird dann gehyped nach dem Motto: Was Frauen wirklich wollen", sagt er und nennt Skandalromane wie "Feuchtgebiete", "Das sexuelle Leben der Catherine M." oder "Geschichte der O" als Beispiele. Alle Bücher suggerierten, sie wüssten die Antwort auf die Frage, frei nach Sigmund Freud: Was will das Weib? Wäre der Autor von "Shades of Grey" ein Mann, so glaubt Lewandowski, würden die Bücher wahrscheinlich einfach nur als Pornos gelten.

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