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05.02.2015 14:42

„Grey Goo“: Willkommen zurück, Echtzeitstrategie!

Freunde gepflegter Echtzeitstrategie-Scharmützel mit Basisbau und Massenschlachten hatten es in letzter Zeit nicht leicht, ist es doch gefühlt eine Ewigkeit her, dass der letzte Vertreter dieser aussterbenden Spielegattung veröffentlicht wurde. Mit "Grey Goo" hat das Entwicklerstudio Petroglyph, bei dem etliche ehemalige "Command and Conquer"-Macher arbeiten, jetzt endlich Nachschub für Schreibtischgeneräle geliefert. Und der spielt sich, auch wenn er noch ein bisschen Feinschliff vertragen hätte, äußerst unterhaltsam.

Bei diesem Spiel ist der Name Programm. In "Grey Goo" stehen sich drei verfeindete Fraktionen in einem ausufernden galaktischen Krieg gegenüber. Zu den obligatorischen Menschen, die in "Grey Goo" längst im Raumfahrtzeitalter weilen, gesellen sich das am Rande der Ausrottung stehende Alien-Volk der Beta und der namensgebende "Grey Goo". Das bedeutet übersetzt so viel wie "grauer Schleim" und beschreibt die in rauen Mengen auftretenden Nanomaschinen aus dem Weltall, die alles organische Leben zu vernichten drohen, ziemlich gut.

Gute Hauptkampagne mit coolen Renderfilmen
In der Hauptkampagne erforscht der Spieler die Herkunft der Maschinenwesen und leistet mit Menschen und Beta zehn Missionen lang erbitterten Widerstand gegen die emotionslose Masse. Ein Drittel der insgesamt 15 Missionen langen Kampagne bestreitet er allerdings als "Grey Goo" – und erfreut sich daran, dass diese Fraktion sich durch fehlenden Basisbau ganz anders spielt als die anderen Konfliktparteien.

Erzählt wird die Geschichte in gut gemachten Rendervideos, denen man die Mühe ansieht, welche die Entwickler hineingesteckt haben. Das erinnert ein wenig an die coolen Filmsequenzen aus der "Command and Conquer"-Reihe und stimmt entsprechend rustikal, auch wenn es den handelnden Akteuren bisweilen ein wenig an Tiefgang mangelt und die wenigsten Storywendungen wirkliche Wow-Effekte auslösen. Aber gut, Tiefgang war – Kane einmal ausgenommen – auch bei "C&C"-Figuren eher eine Seltenheit.

Matches mit Basisbau oder "Mutterschleim"
Die Matches spielen sich eher gemächlich - und das wird all jene, die wenig mit stressig-schnellen Echtzeitstrategiespielen à la "Starcraft 2" anfangen können, sehr freuen. Wie in den Klassikern der "C&C"-Reihe startet der Spieler mit wenigen Einheiten, stellt Raffinerien zur Förderung des Tiberium-Verschnitts Katalyst auf, sichert Rohstoffquellen, baut Fabriken und stellt nach und nach eine Armee zusammen. Ausnahme: Wer den "Grey Goo" spielt, verzichtet auf den Basisbau und bewegt sich stattdessen mit einem großen Batzen grauen "Mutterschleims" durch die Levels, mit dem er Rohstoffquellen ausbeutet und an Ort und Stelle in Einheiten umwandelt.

Auch Menschen und Beta spielen sich unterschiedlich. Während Erstere sozusagen die "Einigel-Fraktion" von "Grey Goo" sind und ihre befestigten Basen kompakt aufbauen müssen, da jedes neue Gebäude mittels Stromleitung mit dem Rest der Basis verbunden werden muss, sind die Beta deutlich flexibler. Sie können – entsprechende Verteilerknoten, die von Lufteinheiten abgeworfen werden, vorausgesetzt – überall auf der Karte Gebäude aufstellen und so im Gegensatz zu den Menschen problemlos vorgeschobene Stützpunkte und Raffinerien hochziehen. Das verleiht ihnen mehr Flexibilität als den Menschen, was gerade Einsteiger zu schätzen wissen dürften.

Einheiten-Mix großteils leider eher eintönig
Schade: Obwohl Menschen und Beta sich beim Basisbau unterscheiden, ähneln sie sich bei den verfügbaren Einheiten. Beide nutzen leichte und schwere Mech-Typen, gepanzerte Fahrzeuge und etwas Infanterie. Hinzu kommen Flugeinheiten – teils Aufklärer, teils Kampfflieger. Beim "Grey Goo" sind die Einheitentypen ähnlich, aber immerhin sehen sie anders aus als ihre Pendants bei Menschen und Beta.

Immerhin: Bei den mächtigen Super-Einheiten – sie erinnern an die Titanen aus dem gleichnamigen "Age of Mythology"-Addon – ist der Wiedererkennungswert auch bei den humanoiden Fraktionen größer. Genug Zeit und Ressourcen für den Bau einer solchen Supereinheit vorausgesetzt, können diese coolen Giganten spielentscheidend sein.

Weise Entscheidung der Entwickler: Im Skirmish- und Multiplayer-Modus können die Supereinheiten deaktiviert werden, wenn sie nicht erwünscht sind. Und das kann schnell passieren: Während die "normalen" Einheiten der drei Fraktionen nämlich gut ausbalanciert sind und charakteristische Schwächen haben, können die Supereinheiten die Balance schnell durcheinander bringen.

Nettes Upgrade-System und ansehnliche Optik
Tiefe bringt ein Upgrade-System, mit dem man in jedem Match nach und nach seine Einheiten an die eigene Spielweise anpasst und ihnen mehr Feuerkraft, Zähigkeit oder andere Spezialfähigkeiten spendiert. Die Spielweise selbst hängt wiederum davon ab, welche Fraktion man spielt: Beta expandieren schnell, Menschen igeln sich ein, "Grey Goo" erfordern eine Guerilla-Taktik. Insgesamt überzeugt "Grey Goo" mit diesem Mix spielerisch, wenngleich wir uns unterschiedlichere Einheiten und eine bessere Wegfindung gewünscht hätten. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau.

Auf hohem Niveau spielt übrigens auch die Optik von "Grey Goo". Die Schlachtfelder wurden liebevoll designt und sind angenehm abwechslungsreich. Gebirge bilden natürliche Barrieren für die Armeen des Spielers, Flüsse fließen durch malerische Wälder, in denen sogar Getier sein Unwesen treibt, und all das ist auch dann noch ansehnlich und detailreich, wenn man relativ nah heranzoomt. Die hübsche Optik hat allerdings ihren Preis: Wer "Grey Goo" in voller Pracht genießen will, braucht einen starken Rechner. Mit reduzierten Grafikdetails läuft das Spiel aber auch auf älteren Systemen problemlos, sofern diese zumindest einen Core-i3-Chip und ein eine DirectX-11-fähige Grafikkarte mit einem Gigabyte Videospeicher mitbringen.

Solider Sound, zu wenige Multiplayer-Maps
Am Sound von "Grey Goo" gibt's wenig auszusetzen. Die Spielmusik untermalt das Spielgeschehen dezent, aber stimmig und die Soundeffekte sind durchaus nachvollziehbar. Die Sprecher in den Zwischensequenzen machen ihre Arbeit ebenfalls vernünftig.

Schade: Gerade beim wichtigen Mehrspielermodus patzt "Grey Goo" ein bisserl. Und zwar nicht spielerisch oder wegen fehlender Spielmodi – hier ist alles vorhanden, was man sich wünschen kann. Dass die Entwickler aber gerade einmal eine Handvoll Mehrspielerkarten ins Game gepackt haben, ist schwach. Ein Karteneditor, mit dem die Spieler ihre eigenen Maps erstellen können, ist zwar an Bord. Gerade zum Start wären mehr Karten für den für bis zu vier Spieler konzipierten Multiplayermodus aber keine schlechte Idee gewesen.

Gut gelöst ist die Steuerung von "Grey Goo". Das Game kann genretypisch komplett mit der Maus gespielt werden. Wer mag, hat aber auch die Möglichkeit, seinen Spielfluss mit sinnvoll gewählten Tastenkombinationen zu beschleunigen.

Fazit: "Grey Goo" hat ein paar Schwächen: generische und nicht besonders zahlreiche Einheiten, gelegentliche KI-Aussetzer bei der Wegfindung und eine recht eingeschränkte Auswahl bei den Multiplayer-Karten. Es hat aber mehr Stärken: die angenehm unterschiedlichen Fraktionen, die packende Haupthandlung, das coole Sci-Fi-Flair mit seiner hübschen Optik und dem Spielgefühl einer fast vergessenen Ära. "Grey Goo" ist für 40 Euro trotz mancher Schwächen ein erlebenswerter Ausflug in ein Genre, das von der Spieleindustrie zu Unrecht totgesagt wird. Danke, Petroglyph!

Plattform: PC
Publisher: Petroglyph
krone.at-Wertung: 8/10

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