Sa, 16. Dezember 2017

"Krone"-Interview

11.02.2015 10:30

Rea Garvey: "Ich bin egoistisch, kein Egomane"

Anfangs war sein Auftritt in der Wiener Ottakringer Brauerei geplant - nach der spontanen Verlegung mussten die Veranstalter das "Ausverkauft"-Schild sogar vor dem Wiener Gasometer anbringen. Mit seinem zweiten Soloalbum "Pride" und den hohen Einschaltquoten der TV-Show "The Voice" befindet sich der irischstämmige Sänger Rea Garvey am derzeitigen Gipfel seiner Karriere. Warum er das nicht so sieht, weshalb er niemals aus falschem Stolz handelt und wieso er sich zu keinem definitiven Nein bezüglich seiner Ex-Band Reamonn durchringen kann, erzählte uns der sympathische 41-Jährige vor seinem Auftritt im Interview.

"Krone": Rea, dein zweites Soloalbum "Pride" war ein kommerzieller Erfolg, du bist mit "The Voice" dauerpräsent im TV und spielst derzeit fast überall in ausverkauften Hallen. Hast du gerade die beste Zeit deines Lebens?
Rea Garvey: Ich denke, dass ich kurz davor bin – ich bin der Meinung, die beste Zeit kommt erst, und das ist immer ein Anreiz, mehr zu machen. Würde ich fühlen, dass ich die beste Zeit habe, wäre es für mich irrsinnig schwer zu wissen, dass es dann vorbei wäre. Ich lebe nie in dem Gedanken, dass es mal nach unten geht, sondern bin immer nach oben orientiert.

"Krone": Nicht alle haben dir nach dem Aus von Reamonn eine solche Karriere zugetraut.
Garvey: Also mir hat das persönlich nie jemand gesagt, dass er mir das nicht zutrauen würde. (lacht) Das würde bei mir aber auch nicht ankommen. Ich bin ein sehr zuversichtlicher Mensch und erreiche Dinge, weil ich bereit bin, alles dafür zu geben. Das ist nicht nur ein Spruch, ich habe schließlich auch mein Land Irland und meinen ganzen Freundeskreis verlassen. Für mich ist das wie gestern, und das bleibt mir immer vor den Augen. Mein Papa hat mir schon immer gesagt, dass es passieren wird, wenn ich bereit bin, alles für meine Wünsche zu geben. Ich lebe somit ohne die Angst, dass alles mal wegfällt. Der Erfolg ist, Musik machen zu dürfen und davon leben zu können. Ob ich jetzt in einem Kleinbus oder einem großen Nightliner fahre, ist egal. Der Weg nach oben ist hart und wenn du nicht erfolgreich bist, ist das Musikerdasein schwierig. Reamonn war für mich nie ganz vorbei, weil es immer ein Teil meiner Reise war. Ich hatte schöne Zeiten in der Band und freue mich sehr, dass ich als Solokünstler genauso viel, wenn nicht sogar mehr Erfolg habe. Natürlich – "The Voice" ist eine massive Plattform, die Reamonn nie hatte, das ist mir bewusst. Kennst du diese Maschinen, die Tennisbälle rausschießen? Wenn die kaputtgehen, kommen alle auf einmal heraus, und ich bin der Meinung, die Hälfte davon kann man zurückschießen – nicht nur einen. Das ist eine schöne Metapher für die Musik – dort kommt auch oft alles auf einmal. Interviews, TV-Shows, Fremdkompositionen, volle Hallen. Ich fühle mich total wohl damit und konnte mich lange darauf vorbereiten.

"Krone": Noch einmal kurz zu Reamonn – deine Ex-Mitglieder haben mittlerweile die Band Stereolove mit einem neuen Sänger gegründet. Warum hältst du immer noch daran fest und kannst dich zu keinem definitiven Aus durchringen?
Garvey: Ich bin der Meinung, in einer Band mit fünf Leuten darf kein Einziger sagen, dass es vorbei ist. Ich muss es einfach nicht sagen, es ist so wie es ist, und ich bin derzeit gut mit mir selber beschäftigt. Wir hatten eine ziemlich eklige Trennung, aber das habe ich in meinem Kopf bereits verarbeitet. Wäre es leicht gewesen, wäre es uns nicht wichtig gewesen. Die Band war ein Riesenteil von unserem Leben und deshalb war es auch so schwer. Ich bin aber ein sehr fröhlicher und positiver Mensch und freue mich auf meine Ziele und wünsche den Jungs allen Erfolg, den sie haben können. Irgendwann sieht man sich wieder.

"Krone": Wäre es für dich auch von Irland aus möglich gewesen, so erfolgreich zu sein?
Garvey: Das ist eine schöne Frage, aber gleichzeitig muss ich dieses Szenario nicht durchdenken. Ich war schon in Irland in einer Band, habe in Deutschland nicht angefangen. Wir waren schon damals drei bis vier Jahre davon in Deutschland auf Tour und ich habe mich dann entschlossen, dorthin zu ziehen. Mir gefällt das Land immer noch gut, ich lernte durch eine Annonce den Schlagzeuger von Reamonn kennen, dann alle anderen, es folgte die erste Single und sie war ein Riesenhit. Das erlebt zu haben, war wirklich schön. Hätte, hätte, Fahrradkette interessiert mich nicht. Ich bin einfach froh, dass ich das so gemacht habe – es war eine superkluge Entscheidung von mir. (lacht)

"Krone": Wie deutsch bist du mittlerweile geworden?
Garvey: Kulturell gesehen habe ich schon viele Dinge gelernt, aber man kann mir natürlich nicht meine irischen Wesenszüge wegnehmen, das ist klar. Ich lerne viel dazu. Deutschland, Österreich und die Schweiz haben zwar alle dieselbe Sprache, aber komplett andere Kulturen, von denen ich überall etwas mitnehmen kann. Der gesangliche Dialekt aus den verschiedenen Ländern ist doch großartig und ich finde es schön, dass ich auch erkennbar bin. Ein deutscher DJ hat mir mal das Kompliment gemacht, dass ich wie Howlin' Wolf klingen würde – das habe ich vorher noch nie gehört und ich war ganz baff. Es ist schön, dass man allein durch den Akzent ein bisschen aus der Menge heraussticht.

"Krone": Wie groß ist der Anteil von "The Voice" an deiner derzeitigen Popularität?
Garvey: "The Voice"-Musiker beispielsweise haben heute gar keine Plattform. So wie jetzt auf Tour White Chalk nehme ich immer Bands mit, die keine andere Chance haben, wohin zu kommen. Ich weiß, wie der erste Kampf im deutschen Fernsehen ist. Dort ist kaum Platz für Musik, sie wird als Quotenkiller bezeichnet und es wird immer weggeschaltet. Ich glaube, das ist Bullshit und es wird falsch programmiert. Wenn ich sehe, dass bei "The Voice" Künstler wie Florence + The Machine, Emeli Sandé oder Birdy einmal auftreten und Nummer eins werden, liegt das daran, dass die vielen Musikliebhaber, die da zuschauen, nicht gefüttert werden. Ohne eine Sendung wie "The Voice" würden viele Menschen diese Art von Musik und solche Künstler gar nie entdecken. Ohne diese Plattform wäre es für mich und viele andere sehr schwer, erfolgreich zu sein. Ich bin sehr froh darüber, ein Teil davon zu sein, und es ist kein Geheimnis, dass die Coaches alle gut bedient werden. Das heißt nicht, dass wir eine reine Werbeplattform kriegen, aber wir können uns trotzdem als Musiker präsentieren. Heute schneidet man viel zu oft die interessanten Backstage- und Hinter-den-Kulissen-Szenen raus, weil man glaubt, das will keiner hören. Das stimmt aber nicht. Vielleicht nicht die Masse, aber auf Musik-DVDs sind Backstage-Erlebnisse doch interessanter als alles andere.

Wir suchen unsere Heroen und wollen auch mehr über den Hintergrund der Musiker erfahren. Ich habe in L.A. ein Album aufgenommen und bin riesengroßer Johnny-Cash-Fan. Ich saß dort im Studio in einem Stuhl, in dem auch Johnny saß. Das war für mich ein unglaublicher Moment. Allein zu wissen, dass ich kurz auf seinem Weg war, inspiriert mich ungemein. Tags darauf lag ich auf einer Couch, wo fucking Kurt Cobain gesungen hat. Davon kriege ich alleine beim Erzählen schon eine Gänsehaut. Das wollte ich von Bands haben, die meine Jugend geprägt haben. Radiohead, Skunk Anansie oder Beck – wer kennt heute noch Beck? Damals gab es Fernsehshows und man kam viel leichter zu den Künstlern. Ich finde die Entwicklung schade. Bei "The Voice" kämpfen wir darum, diese Plattform nicht völlig aussterben zu lassen. Wir bringen nicht alle weiter, aber ich freue mich über jeden kleinen Erfolg tierisch.

"Krone": Wie ist das Gefühl, Juror zu sein, wenn man ansonsten auf der Bühne steht und die Massen begeistert?
Garvey: Das sind ganz verschiedene Welten. Auf der Bühne zu stehen ist die Ernte für all die harte Arbeit, die man sonst über das ganze Jahr hat. Früher war ich nicht sonderlich an Sachen interessiert, die rund um mich herum passiert sind. Mein Fokus lag ganz auf der Musik, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich einfach für alles interessieren muss. Man muss auch wissen, wann man mal von etwas die Finger lässt, weil man es nicht gut kann. Ein gutes Beispiel sind die Social-Media-Plattformen. Ich finde es gut, dass man dort selbst mit den Fans kommunizieren kann, aber ich muss auch lernen, Abstand davon zu nehmen, weil ich schnell süchtig werde. Aber die Wege sind einfach neu und man muss mit der Zeit gehen. Die Plattformen haben sich geändert und ich wundere mich oft selbst, warum ich von den nfach daran, dass Fans die Songs auf YouTube in kleinen Mengen kaufen und dann aber schnell wieder weg sind. Denen gefällt ein Song, aber sie kennen den Künstler dahinter oft gar nicht. Andererseits covern Künstler schnell mal was und haben nichts Eigenes anzubieten. Irgendwann einmal musst du aber selber Nummern schreiben. Aber es gibt immer eine Gegenwelle. So alle sieben bis zehn Jahre kommen Musiker, die dagegen ankämpfen, die sagen "Fuck you, ich will das nicht mehr hören", und ihr ganz eigenes Ding durchziehen. Das ist dann ein richtig geiles Gefühl. Als ob du einen Stiefel anziehst und eine Fensterscheibe eintrittst.

"Krone": Sehr erfolgreich und selbst verfasst waren auch die Songs auf deinem Album "Pride". Worauf bist du persönlich stolz?
Garvey: Ich bin einfach stolz auf Dinge, die ich geschafft habe. Ich bin kein Egomane, aber egoistisch, und das wird oft kritisiert. Das Ego ist aber gut, es geht um dich selbst und darum, dir Ziele zu setzen und sie zu erreichen. Es geht nicht darum, andere an etwas zu hindern. Ich war lange sehr blind und habe nicht gesehen, wo ich mit meiner Musik hin will und was ich schreiben sollte. Als wir das geschafft haben, da verspürte ich einen unheimlichen Stolz. Das habe ich schon seit meiner Kindheit, dass ich das, was ich geschafft habe, zeigen will. Das darf jetzt nicht mit Hochmut verwechselt werden! Ich habe einmal in Irland wirklich hart im Garten gearbeitet und plötzlich kam mein Vater raus und fragte mich, was ich hier tue. Er sagte dann: "Warum? Du bringst ja sowieso nichts zu Ende." Das war etwa um 19 Uhr. Um 23 Uhr kam ich rein, die Hände aufgerissen, überall Blasen, habe ihm gesagt: "Ich bin fertig", und bin ins Bett gegangen. Mir war es einfach so wichtig, ihm zu zeigen, dass ich es eben doch kann. Damals war ich 13 oder 14 und dieser Moment hat mich enorm geprägt. Manchmal übernimmt man sich selbst, aber wenn man etwas geschafft hat, dann darf und soll man schon auch laut werden.

"Krone": Hast du niemals aufgegeben? Gemerkt, dass die Spur eine falsche ist, und dadurch den Weg zum Ziel abgebrochen?
Garvey: Ich glaube, als ich Irland verlassen habe, habe ich mir selber eine neue Regel aufgesetzt. Ich würde nur mehr mein Wort geben, wenn ich es halten kann. Wir haben damals mit meiner Band in Irland alles Mögliche vom Himmel versprochen, nur damit wir Leute in den Club zu den Gigs kriegen. Irgendwann zog ich für mich die Reißleine und sagte energisch Nein. Fortan versprach ich nur mehr das, was ich auch zu 100 Prozent liefern könne. Das hat mir gut getan, weil ich damit einhergehend aufgehört habe, Riesenhoffnungen zu schüren, die ich dann nicht erfüllen konnte.

"Krone": Hast du auch schon einmal aus falschem Stolz gehandelt?
Garvey: Nein, ich falle schon oft auf die Fresse, weil gewisse Dinge nicht die waren, an die ich geglaubt habe, aber ich würde diese Dinge nicht wiederverkaufen. Ich hatte einmal ein Auto, dass ich verkaufen wollte und kaputt war. Da kam einer und sagte: "Das ist aber kaputt." Darauf konterte ich: "Ich habe niemals gesagt, dass es nicht kaputt ist." Er wollte nicht zahlen, was er geboten hat, und ich habe das Auto dann einfach nicht verkauft. Er kann ja wieder gehen. Ich will nicht, dass jemand behauptet, ich hätte ihn verarscht. Es gibt einen weisen Lebensgrundsatz: "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu." Diese Regel muss man lernen, aber jeder sollte nach ihr leben.

Wer kein Ticket mehr für den Auftritt im Gasometer ergattert hat oder einfach nicht genug bekommt, für den gibt es gute Nachricht. Rea Garvey wird Mitte Juni auch beim Nova Rock Festival im burgenländischen Nickelsdorf zu Gast sein. Tickets erhalten Sie unter 01/960 96 999 oder im "Krone"-Ticketshop.

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