Sa, 25. November 2017

1,14-Billionen-Paket

23.01.2015 06:52

Das bedeutet die EZB-Geldflut für Österreich

Weil die Konjunktur im Euro-Raum nicht und nicht in Schwung kommt, will die Europäische Zentralbank nun insgesamt 1,14 Billionen Euro in die Wirtschaft pumpen. Am Donnerstag hat sie beschlossen, monatlich Anleihen von Staaten und Unternehmen um 60 Milliarden Euro zu erwerben. Das umstrittene Kaufprogramm soll von März 2015 bis September 2016 laufen, wie Notenbank- Präsident Mario Draghi sagte.

Für eine solche Anti-Krisen-Maßnahme - im Fachjargon quantitative Lockerung oder "QE" genannt - druckt die Notenbank frisches Zentralbankgeld und kauft damit von Banken oder anderen Finanzinstituten Wertpapiere. Seit Monaten hatten Draghi und weitere führende Notenbanker die Märkte auf einen solchen Schritt vorbereitet.

Das frische Geld kommt im Idealfall über die Banken, denen die Zentralbank Anleihen abkauft, in Form von Krediten bei Unternehmen und Verbrauchern an. So könnte es Konsum und Investitionen anschieben und die maue Konjunktur in Schwung bringen.

Deflationsgespenst vorerst wohl vertrieben
Funktioniert das Programm wie erwartet, würde das auch die zuletzt extrem niedrige Inflation im Euro-Raum wieder in Richtung des EZB-Ziels von knapp unter zwei Prozent befördern. Damit würden Sorgen vor einem gefährlichen Preisverfall auf breiter Front - also einer Deflation - vorerst beendet. Kritiker geben aber zu bedenken, dass die niedrige Inflation großteils eine Folge des Verfalls der Ölpreise ist. Steigt der Preis für Erdöl wieder an, dann könnte die Inflation auch ohne EZB-Spritze schnell wieder zurückkehren.

Reisen außerhalb des Euro-Raums werden teurer
Die Folgen der jüngsten Anti-Krisen-Maßnahme der EZB werden wir spätestens beim nächsten Urlaub außerhalb des Euro-Raums spüren: Weil die Abwertung des Euro nach Einschätzung vieler Experten nun noch weiter an Fahrt gewinnen wird, werden Reisen zum Beispiel nach Großbritannien, in die Schweiz oder in die USA wohl deutlich teurer.

Günstiger Euro steigert Österreichs Exportchancen
Auf der anderen Seite hilft der vergleichsweise günstige Euro Exporteuren, ihre Waren außerhalb des Währungsraums zu verkaufen. Das könnte der Konjunktur insgesamt Schwung verleihen. Und auch die Finanzminister - nicht nur jene der Krisenstaaten - können dank der ultralockeren Geldpolitik günstiger neue Schulden aufnehmen.

Bankkredite könnten günstiger werden
Die Banken - so das Kalkül der EZB - sollen mehr Kapital zur Verfügung haben und idealerweise wieder mehr Kredite vergeben. Manche Experten sind allerdings der Meinung, dass das viele Zentralbankgeld nicht bei Kreditnehmern ankommt, sondern von den Bankhäusern in Aktien oder Immobilien gesteckt wird - und das könnte zu neuen Preisblasen führen.

Anleihen werden für Sparer uninteressanter
Mit den milliardenschweren Ankäufen von Staatsanleihen erhoffen sich die Währungshüter einen Kurzsanstieg bei Anleihen und ein Sinken der Renditen. Die Folge: Die Zinsen für Staatsanleihen werden weiter fallen, die Euro-Länder können sich billiger (weiter-)verschulden. Die Kehrseite: Für Sparer, die ihr Geld gewinnbringend anlegen möchten, wird es fast unmöglich, solide Renditen zu erzielen.

Allerdings sind die Erfahrungen der Notenbanken mit Anleihenkäufen höchst gegensätzlich: Während ein ähnliches Programm in Japan versandete und gar politische Reformen ausbremste, erzielten Anleihenkäufe in den USA die erhoffte Wirkung: Die amerikanische Wirtschaft nimmt wieder Fahrt auf. Allerdings finanzieren sich Unternehmen dort häufig direkt am Markt über eigene Anleihen, während sie sich in Europa vor allem bei Banken Geld besorgen.

Nowotny: "Letztes Pulver verschossen"
Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny steht dem Billionen-Programm kritisch gegenüber. Er sieht nun kaum noch Spielraum für geldpolitische Maßnahmen der EZB. "Wir haben jetzt mehr oder weniger unser letztes Pulver verschossen. Wir sollten sehr vorsichtig sein", sagte Nowotny am Donnerstagabend in der "ZiB 2". Persönlich hätte er mit dem Start der Maßnahmen lieber noch etwas zugewartet, so Nowotny.

Das Anleihenkaufprogramm habe sowohl Vor- als auch Nachteile, sagte der Notenbankchef. Einerseits soll es ein Beitrag zur Wirtschaftsbelebung sein und die Gefahr eine Deflation beseitigen. Negativ bewertet Nowotny den Umstand, dass die EZB zuletzt bereits einige Programme vorgenommen habe und es sinnvoll gewesen wäre, deren Wirkung Programme abzuwarten.

Märkte lassen sich "nur mit großen Summen beeindrucken"
Dass die beschlossene Summe rund doppelt so hoch ausgefallen ist, wie im Vorfeld erwartet, hängt laut Nowotny damit zusammen, dass man die Märkte mit solchen Programmen "wirklich beeindrucken" solle. "Das geht nur mit sehr großen Summen."

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