So, 19. November 2017

„Krone“-Rezension

07.11.2014 14:53

Fences: Seiltänzer zwischen Pop- und Indiekultur

Die Kooperation mit Macklemore & Ryan Lewis und das daraus entstandene "Arrows" machte den schüchternen US-Musiker Fences über Nacht weltberühmt. Auf seinem zweiten Album "Lesser Oceans" zeigt der ehrliche Indie-Songwriter, dass er das große Namedropping gar nicht nötig hat. Die wahren Song-Perlen hat er nämlich selbst geschrieben.

Der Hit spukt uns noch immer in den Köpfen herum. "Arrows" nennt sich die eingängige Scheibe, die Singer/Songwriter-Kunst mit feinstem Rap verknüpft. Oder anders gesagt – sie verknüpft Fences mit den Chartstürmern Macklemore & Ryan Lewis. Beim Frequency, als die beiden Rapper ihre umjubelte Österreich-Premiere feierten, fehlte Fences, der wichtigste Baustein des Songs, doch mit seinem zweiten Album "Lesser Oceans" stellt er sich und seine vertonte Kunst nun gleich in zehn verschiedenen Kapiteln vor.

Bescheidenheit und Talent
Vom Hype um die "Arrows"-Single will Christopher Mansfield, so sein bürgerlicher Name, im "Krone"-Interview aber nichts hören. "Ich versuche immer, nicht an etwas wie 'Ruhm' zu denken. Natürlich freue ich mich, dass dieser Song so viele Menschen erreicht hat, aber ich bin immer noch in einer kleinen Band." Die Bescheidenheit des voll tätowierten Amerikaners ist ebenso augenscheinlich wie sein musikalisches Talent. Meist plätschern seine Songs in träumerischen Indie-Sphären, ohne aber dabei in die Kitschfalle abzurutschen.

Fences sorgt sich um die dunklen Seiten des Lebens – schon im Opener "Songs About Angels" changiert er textlich mit dem Tod. "Der Tod ist so ein großes Wort. Ich kenne kein anderes Wort, das derartig viel Kraft ausstrahlt. Es ist wie ein literarisches schwarzes Loch." Zudem ist gerade die Widersprüchlichkeit Trumpf auf "Lesser Oceans". Während die Melodien meist sehr fröhlich aus dem Äther kommen, sind die Texte schwermütig. "Es ist wie ein Tanz der Emotionen", erklärt Mansfield, "ein Fuß nach vor, einer zurück. Du verbleibst quasi in einem Stillstand der Emotion."

Offensiv aus der Sucht
Emotionen sind ein wichtiger Terminus, wenn es um das Leben von Mansfield geht. Bis 2011 hing der talentierte Musiker an der Flasche, nicht zuletzt mithilfe ehrlicher Lebens- und Situationsbeichten auf Twitter und seinem eigenen Blog konnte er sich von den Süchten freistrampeln. Auch unter seinen eigenen Fans herrscht ein reger Austausch. Die älteren werfen ihm das Schielen auf den Pop-Mainstream vor, für die neueren waren die alten Songs möglicherweise zu vertrackt. "Ich denke, die Leute nehmen Veränderungen als persönlichen Angriff auf. Es war noch nie meine Intention, meine Hörer zu entfremden. Ich kann nur meinem Herzen und aktuellen Inspirationsquellen folgen."

Ein gewisses Maß an Grundehrlichkeit, die sich in seinen Kompositionen widerspiegelt. Fast biografisch wandelt er durch seine persönlichen Probleme, nimmt Bezug auf seine alte Heimat Seattle und unterlegt diese berührenden Lebensbeichten nur allzu gerne mit simplen, akustisch gespielten Gitarrenakkorden. Ein Song wie "Running Off The Gods" schmiegt sich sanft durch die Gehörgänge, während "Sunburns" mit positiver Rhythmik in die inhaltliche Irre führt. Mehr als drei Jahre lang hat Mansfield an den Songs geschraubt, Musiker der Indie-Helden Death Cab For Cutie unterstützten das engagierte Vorhaben mit ihren Ideen.

Auf "Lesser Oceans" gelingt Fences tatsächlich das seltene Kunststück, ein rundes, starkes und ohne merkbar qualitativen Abfall funktionierendes Album geformt zu haben. Ob das jetzt Indie-Pop ist, sich zu stark Richtung Radio anbiedert oder in manchen Bereichen vielleicht zu träumerisch geraten ist, sollte egal sein, denn das Ergebnis ist wohltuende, rhythmische Musik, die abseits vieler populärmusikalischer Abstumpfungen mit viel Charme, Ehrlichkeit und Hingabe vorgetragen wird.  Auch wenn die Macklemore/Lewis-Partnerschaft ein unterstützendes Verkaufsargument darstellt – "Lesser Oceans" wäre auch ohne diesen Hit ein Jahreshighlight.

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