Fr, 25. Mai 2018

In Deutschland

30.10.2014 16:52

Dschihad-Heimkehrer ging für IS auf Shopping-Tour

Dschihad-Heimkehrer, die im Irak oder in Syrien für die Terrorgruppe Islamischer Staat gekämpft haben, bereiten den Ländern Europas zunehmend Sorgen. Der Gerichtsakt eines jungen deutschen Islamisten gibt nun neue Details zur Radikalisierung sowie den Strukturen und Anforderungen des IS preis: Der 24-Jährige soll nach einem Syrien-Einsatz von den Dschihadisten nicht etwa zur Rekrutierung neuer Mitglieder oder für einen Anschlag heimgeschickt worden sein, sondern zum Shoppen.

Ismail I. wurde einem Bericht der "New York Times" zufolge in Deutschland radikalisiert. Laut der Tageszeitung, die sich auf den rund 80 Seiten umfassenden deutschen Gerichtsakt beruft, hatte sich der junge Mann 2013 in Syrien den Kämpfern des IS angeschlossen. Weil er aber im Zuge seines "Auslandseinsatzes" verwundet wurde, habe die Terrorgruppe dann beschlossen, I. als "Einkäufer" zurück nach Deutschland zu schicken.

Uhren, Tarnhosen und Nachtsichtgerät im Kofferraum
Aufgegriffen wurde der mutmaßliche Terrorist schließlich im November 2013 auf einer deutschen Raststätte - aufgrund eines Tipps hatten die Behörden I. bereits beobachtet und ihn an seiner geplanten Rückreise in den "Heiligen Krieg" gehindert. Im Kofferraum seines roten Ford-Kombis lagen laut den Gerichtsdokumenten vier Armbanduhren im Wert von je 28 Euro (gekauft bei Aldi), zehn Hosen von einem US-amerikanischen Versandhandel für Militärausrüstung im Wert von rund 190 Euro und ein Nachtsichtgerät von einem Stuttgarter Jagdgeschäft im Wert von etwa 4.000 Euro.

Der "New York Times" zufolge stellten die Beamten bei der Festnahme des Deutschen mit libanesischen Wurzeln zudem eine handgeschriebene Einkaufsliste mit den Namen von insgesamt zehn Männern sowie deren Kleidergrößen sicher. Auf der Liste sollen sich auch Namen von Medikamenten, Büchern und Süßigkeiten befunden haben.

Detaillierte Auskunft über Radikalisierung und Ausbildung
Während ein von I. rekrutierter - und gemeinsam mit ihm an der Raststätte aufgegriffener - 38-jähriger Afghane mit deutscher Staatsangehörigkeit laut den Dokumenten bestreitet, die IS-Terroristen unterstützt zu haben, hat I. laut "New York Times" mittlerweile ausführlich Auskunft darüber gegeben, wie er in Deutschland radikalisiert wurde.

Laut dem Bericht wuchs I. als Migrant mit seiner Mutter und fünf Geschwistern in Stuttgart auf. Er soll regelmäßig eine Moschee in der Stadt besucht und sich 2012 dazu entschlossen haben, in Syrien zu kämpfen. Nach einer gemeinsam mit anderen Extremisten absolvierten Pilgerfahrt nach Mekka reiste er im Sommer 2013 zunächst in die Türkei. Ein Mittelsmann setzte ihn dann in einen Bus Richtung türkisch-syrischer Grenze. Dort habe I. seinen Pass abgeben müssen und sei in ein Dorf gebracht worden.

Zwei Wochen später sei er schließlich nach Syrien geschmuggelt und in einem Terrorcamp unter dem Kommando eines Tschetschenen ausgebildet worden. Ungefähr einen Monat lang werden "neue" Dschihadisten seinen Angaben zufolge ausgebildet, bis sie in den Kampf ziehen dürfen. "Es ist nicht so wie ihr denkt", wird der 24-Jährige aus einem abgehörten Telefonat mit einem Freund zitiert. "Bevor man die Erlaubnis bekommt, mitzumachen, muss man erst die Ausbildung und das Training bestehen."

Er habe unter anderem gelernt, mit Waffen umzugehen, ein Konditionstraining absolviert und die radikale Auslegung des Islam studiert. Dann sei er in ein Camp nahe der Stadt Anadan verlegt worden. Mit bis zu 60 weiteren Milizionären kämpfte er in den Vororten der Rebellenhochburg Aleppo, wo er verletzt wurde. Aufgrund der Wunde habe er nicht mehr kämpfen können - und laut Gerichtsakt "enttäuscht das Schlachtfeld verlassen müssen".

Via WhatsApp den Dschihadisten in Syrien Bilder geschickt
Ende Oktober 2013 flog I. schließlich über Istanbul und Amsterdam zurück nach Stuttgart - zum Shoppen für den IS. Während seiner Einkaufstour sei er laut den Ermittlern in ständigem Kontakt mit den Dschihadisten gewesen und habe ihnen unter anderem über den Nachrichtendienst WhatsApp Bilder von militärischer Tarnkleidung geschickt.

Nun wird dem Islamisten im November in Deutschland der Prozess gemacht. Bei einer Verurteilung drohen I. bis zu zehn Jahre Haft.

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