Mi, 23. Mai 2018

Viel Zivilcourage

29.10.2014 11:33

Video-Experiment: Das passiert Rassisten in Kanada

Was passiert, wenn ein junger Mann in aller Öffentlichkeit einen Moslem verdächtigt, ein Terrorist zu sein? In Kanada, wo vor Kurzem zwei Soldaten von islamistischen Attentätern getötet wurden, haben drei junge Filmemacher das Video-Experiment gewagt - mit überraschendem Ergebnis. Denn jedes Mal kommen Passanten dem zu Unrecht verdächtigten Moslem zu Hilfe und zeigen Zivilcourage.

Der 18-jährige Student Omar Albach und zwei seiner Freunde haben ihren Test an verschiedenen Orten im kanadischen Hamilton vorgenommen. Es handelt sich um die Heimatstadt eines der beiden ermordeten Soldaten, Nathan Cirillo, der am 22. Oktober bei seinem Dienst als Ehrenwache bei einem Kriegsmahnmal vom Islamisten Michael Zehaf-Bibeau erschossen wurde. Nur zwei Tage zuvor war Patrice Vincent, ebenfalls Soldat, vom Islamisten Martin Couture-Rouleau angefahren und getötet worden.

Grund genug für Angst in der Bevölkerung und Vorurteile gegenüber Muslimen? Mitnichten, wie die Kanadier eindrucksvoll beweisen. Ohne ihr Wissen hat Albach die Reaktionen von Passanten festgehalten, wenn ein junger Mann einen Moslem im weißen Gewand verbal attackiert. Der könne ja schließlich ein Terrorist sein und Sprengstoff unter seiner Kleidung tragen, so der Schauspieler in der Rolle eines Rassisten.

"Nicht jeden für einen Wahnsinnigen bestrafen"
Doch die Umstehenden, egal ob alt oder jung, Mann oder Frau, greifen schon nach dem ersten Satz ein. Die islamistischen Anschläge seien von Fanatikern verübt worden, stellen sie klar - "Sie können nicht jeden für einen Wahnsinnigen bestrafen". "Es war furchtbar und tragisch, aber ich glaube nicht, dass das irgendein Grund ist, jemanden zu verfolgen für das, was er anhat", diskutiert eine junge Frau.

Auf den Verdacht, der Moslem könnte Sprengstoff tragen, antwortet ein älterer Mann schlagfertig: "Das könnte ich auch!" Und ein junger Mann an anderer Stelle hält fest: "Es sieht eher so aus, als hätten Sie was dabei." Mehrfach bekommt der vermeintliche Rassist außerdem zu hören: "Das ist ein Freund von mir, ich bin mit ihm hier." Und man werde gemeinsam den Bus nehmen, Punkt. Wenn er sich nicht sicher fühle, dann solle eben er den nächsten Bus nehmen.

Standhafte Kanadier - und eine blutige Nase
Als der Mann weiter darauf besteht, der Moslem sollte mit ihm kommen, statt in den Bus zu steigen, greifen noch mehr Menschen aktiv ins Geschehen ein: "Bitte seien Sie nicht so respektlos. Ich denke, Sie sollten gehen", erklärt sich eine Frau solidarisch. Dem älteren Mann reicht's inzwischen: "Lassen Sie ihn in Ruhe oder ich rufe die Polizei."

Und auch die Passanten an anderen Plätzen des Experiments haben nach einigen Minuten Diskussion die Nase voll: "Ich würde nicht mit dir in einem Bus sein wollen, Mann, ehrlich", versuchen sie den Rassisten zu vertreiben. Als dieser an anderer Stelle den Moslem auffordert, mit ihm zu kommen, reißt zwei jungen Männern dann wirklich der Geduldsfaden: Der eine verpasst dem vermeintlichen Rassisten einen Faustschlag, zu zweit vertreiben sie ihn und drohen ihm weitere Gewalt an.

Anzeige will der Schauspieler nicht erstatten, auch wenn das soziale Experiment für ihn persönlich einen negativen Schlusspunkt hatte, wie er mit blutiger Nase erklärt. Aber der junge Mann sei für den Moslem eingetreten - und das wisse er zu schätzen. "Das ist gut." Fazit des sozialen Experiments: Von einzelnen islamistischen Attentätern lassen sich die Kanadier nicht ins Bockshorn jagen - und Rassisten müssen sich in Kanada zumindest auf leidenschaftliche Diskussionen einstellen.

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