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15.10.2014 10:13

"Post Secret" teilt Geheimnisse auf Postkarten

"Meine Oma hat mir ihr Haus versprochen. Jetzt hoffe ich, dass sie schnell stirbt!" Geheimnisse wie dieses erhält der Tübinger Sebastian Schultheiß tagtäglich - anonym per Postkarte an sein Postfach. Die gesammelten Offenbarungen – von Liebeserklärungen bis zu dunklen Gedanken – veröffentlicht er im Internet.

Die Idee hinter "Post Secret" ist einfach und im E-Mail-Zeitalter fast nostalgisch: Man gestaltet eine Postkarte, schreibt sein Geheimnis darauf und schickt sie anonym an das Postfach 2553 in Tübingen. Dort stellt Schultheiß jeden Sonntag die Postkarten ins Netz, der Absender bleibt unerkannt. "Es geht darum, ein Geheimnis preisgeben zu können und es trotzdem, zum Beispiel gegenüber Freunden, nicht verraten zu müssen", sagt Schultheiß.

Vorbild das gleichnamige Kunstprojekt des Amerikaners Frank Warren. 2008 gründete Schultheiß die deutsche Version, mehr als 1,8 Millionen Mal wurde seine Website bisher angeklickt. Ende Oktober erscheint zu dem deutschen Ableger ein Buch, eine Art Archiv der Geheimnisse. Online seien jeweils nur etwa 20 Einsendungen zu sehen, in der gedruckten Form sollen es rund 208 Seiten sein, sagt Schultheiß, in dessen Wohnzimmer gut 2.000 Karten lagern.

Manche sind aufwendig gestaltet, in knalligen Farben bemalt oder wie kleine Collagen beklebt. Andere tragen das Geheimnis des Absenders in schlichten Buchstaben zur Schau. "Du warst kein guter Küsser" oder "Ich bin einsam" - die häufigsten Themen sind nach Schultheiß' Einschätzung unerwiderte Liebe, Beziehungsprobleme und psychologische Konflikte. Politik oder Religion wie beim amerikanischen Vorbild spielten hingegen seltener eine Rolle. "Die Karten zeigen mir, dass wir alle mehr gemeinsam haben, als wir denken", sagt Schultheiß.

Funktion eines Tagesbuchs
Unerkannt bleiben und trotzdem aller Welt Geheimnisse mitteilen wollen, ist das nicht ein ständiger Widerspruch? Nein, sagt der Medienpsychologe Tobias Dienlin von der Universität Hohenheim. Für ihn ähnelt das Postkarten-Schreiben der Funktion eines Tagebuchs. Das Schreiben könne einen klärenden, erleichternden Charakter haben.

"Post Secret" beinhalte zudem noch eine weltweite, soziale Dynamik. Jeder Absender oder Leser merke: Ich bin nicht allein. Es sei eine Art Suche nach emotionalen Belohnungen. Ähnliches lasse sich in nicht-anonymen Angeboten des Social Web beobachten: Auch hier, beobachtet Dienlin, posten manche User private Einträge in der Hoffnung auf "Gefällt mir"-Klicks und soziale Unterstützung.

Veränderter Umgang mit Geheimnissen
Generell hat sich der Umgang mit Geheimnissen aus Sicht des Tübinger Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen verändert. Gegenüber dem Staat, aber auch gegenüber Freunden und Familie werde es immer schwerer, Geheimnisse zu bewahren. Ob ausgespähte E-Mails, Webcambilder oder abgehörte Telefonate, das alles seien "Indizien einer immer präziseren Ausleuchtung der menschlichen Existenz". Daran hätten sich die meisten unwillkürlich gewöhnt und angepasst.

"Wir posten, getrieben von kollektiver Faszination und der Sehnsucht nach Feedback, Privates und Intimes auf sozialen Netzwerken", schreibt Pörksen. "Wir fordern Privatsphäre, aber handeln längst nicht mehr danach."

Postkarte als letzte anonyme Kommunikationsform
"Post Secret" lockt da mit dem Versprechen völliger Anonymität für den Geheimnisträger. Auf Postkarten muss niemand einen Absender angeben, im Gegensatz zu E-Mails, die meist nachverfolgbar sind. Daher sieht der studierte Bioinformatiker die Postkarte als die letzte anonyme Kommunikationsform. Auch wenn sie Hunderte Male im Netz angeklickt wird. Oder als Buch erscheint.

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