Mo, 19. Februar 2018

Häfn statt Millionen

16.12.2015 16:00

Bugatti-Besitzer für "Wasserung" verurteilt

Das YouTube-Video eines Bugatti Veyron, der ins Wasser fuhr und versank, ist 2009 um die Welt gegangen. Doch dann stellte sich heraus: Es handelte sich nicht um einen Unfall, sondern um Versicherungsbetrug. Der Fahrer bekannte sich 2014 schuldig und flugs verbreitete sich die Meldung um die Welt, er sei zu 20 Jahren Haft verurteilt worden - doch das war nur das mögliche Strafmaß. Jetzt wurde er in Lufkin/Texas zu einem Jahr und einem Tag Gefängnis verurteilt.

Rückblende. Die Geschichte fing damit an, dass Andy Lee House in seiner Heimatstadt Lufkin im äußersten Osten des US-Bundesstaats Texas 2009 einen Gebrauchtwagenhandel namens Performance Auto Sales gründete, der sich auf hochwertige und exklusive Sportwagen vom Schlage einer Corvette, eines Jaguar E-Type oder eines Flügeltürer-Mercedes 300 SL konzentrierte. Auch der 1,5 Millionen Dollar teure Ferrari Enzo, den der US-Comedian Eddi Griffin 2007 anlässlich einer Werbetour für seinen Film "Redline" an einer Mauer schrottete, gehörte – restauriert – zum Angebot von Performance Auto Sales. Andy, dem offensichtlich kein Superlativ zu groß ist, definierte seinen Laden gerne als "weltweit bedeutendsten Retter exotischer Autos".

Im Herbst 2009 war der umtriebige Gebrauchtwagenhändler plötzlich am Steuer eines Bugatti Veyron zu sehen. Den hatte er für eine geliehene Million Dollar einem texanischen Ölmagnaten abgeschwatzt.

2,2 Millionen Dollar Versicherungssumme
Von nun an ging es für Andy Lee House bergab, denn er wollte möglichst schnell an möglichst viel Geld kommen. Dafür versicherte er den Bugatti, von dem nur 300 Exemplare gebaut wurden, zunächst bei der Philadelphia Indemnity Insurance Company für 2,2 Millionen Dollar. Das Fahrzeug, so argumentierte er die hohe Summe, sei nur für Ausstellungszwecke seines Unternehmens gedacht und steige wegen der geringen Stückzahl gleicher Exemplare unaufhörlich an Wert.

(Phantom-)Pelikan als "Unfallursache"
Drei Wochen später, am Sonntag, dem 1. November 2009, rollte Andy Lee House mit seinem Bugatti Veyron kurz nach Mittag bei strahlendem Wetter gemütlich über einen Abzweig der Interstate 45 zwischen La Marque und Galveston/Texas an der West Bay des Golfs von Mexiko. Was dann passierte, schilderte er später der Polizei sowie der Versicherung so: Mit dem Navigationsgerät auf seinem Mobiltelefon habe er nach dem Weg zu einer Marina gesucht, wo er sich ein Boot ansehen wollte. Da sei ihm urplötzlich ein riesengroßer Pelikan in die Quere gekommen, vor Schreck habe er das Telefon fallen gelassen und die Herrschaft über das Auto verloren.

Dann war der Wagen über die Böschung ins Wasser geschossen, wo er bis zu den Türgriffen versank. Er selbst habe sich retten, den Motor aber nicht abstellen können, weil ihn "die Moskitos fast aufgefressen" hätten. Eine viertel Stunde lang saugten die 16 Zylinder der 1001 PS starken Acht-Liter-Maschine in vollen Zügen Salzwasser in sich hinein, bis sie irreparabel das Zeitliche segneten. Zwölf Tage später meldete Andy bei der Versicherung seinen Anspruch auf 2,2 Millionen Dollar an.

Wasserfahrt zufällig per Handy gefilmt
Zunächst kam er mit seinem Schauermärchen bei der Philadelphia Indemnity durch. Was er aber nicht wusste und was im Smartphone-Zeitalter immer öfter passiert: Andys Tat war von einem Bugatti-Bewunderer gefilmt und im Internet veröffentlicht worden.

Das Versicherungsunternehmen argwöhnte ziemlich bald Schlimmes, zumal sich ein anonymer Anrufer gemeldet hatte, der behauptete, Andy Lee House habe ihn zuvor zum Diebstahl und zum Abfackeln des Autos gegen Honorar anheuern wollen. Nach der Wasserung sei ihm zudem Schweigegeld geboten worden. Daraufhin sahen sich auch die Versicherungsexperten den Film auf Youtube an und stellten eine Reihe Widersprüchliches in Andys Aussagen fest: Auf dem Crash-Video ist weit und breit kein Vogel, geschweige denn ein großer Pelikan zu sehen. Dass Moskitos mittags besonders heftig stechen, verwiesen sie ins Reich der Fabel. Und auch den Verwendungszweck des Bugatti Veyron vorwiegend als Ausstellungsobjekt stellten sie in Frage. Andy hatte mit ihm innerhalb von drei Wochen fast 2.500 Kilometer zurückgelegt. Eine Strafanzeige wegen Versicherungsbetrug folgte acht Monate nach dem angeblichen Unfall.

Urteil erst nach vier Jahren
Warum sich der Prozess dann vier Jahre ohne Ergebnis dahinschleppte, weiß niemand so ganz genau. In den Gerichtsakten ist nachzulesen, dass sich eine ganze Armada von Strafverfolgern mit dem Fall beschäftigte: das FBI, die Texas Rangers, der Sheriff von Lufkin, die Abteilung für öffentliche Sicherheit im Magistrat der Stadt sowie ein leibhaftiger Staatsanwalt der Vereinigten Staaten. Zwischenzeitlich dealte Andy weiter mit Supersportwagen und legte sich im Jänner 2010 sogar einen weiteren Bugatti Veyron zu. Zu der Zeit standen in seiner Werkstatt neben dem Bugatti ein Lamborghini Gallardo Superleggera, ein Lamborghini Murcielago LP640 und ein Porsche 911 GT3 RS. Zusammen mit einem Wert von 2,2 Millionen Dollar. Mindestens.

Doch der Kampf mit Versicherung und Staatsmacht muss ihn allmählich mürbe gemacht haben. 2014 bekannte sich Andy Lee House schließlich vor Richter Keith Giblin des Versicherungsbetrugs in Höhe von 2,2 Millionen Dollar schuldig. Nun wurde er zu einem Jahr und einem Tag hinter Gittern verurteilt.

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