Do, 19. Oktober 2017

Live in der Szene

04.08.2014 01:35

Ignite erwiesen sich als Helden der Zeitlosigkeit

Bevor die Szene Wien in die wohlverdiente Sommerpause rauscht, sorgten Sonntagabend die US-amerikanischen Punk/Hardcore-Legenden Ignite für einen schweißtreibenden Wochenkehraus. Die gut 500 Fans wurden von feurigen Riffs, politischen Botschaften und einer kräftigen Dosis Humor unterhalten.

Dass sich Ignite-Sänger Zoltan "Zoli" Teglas zu Beginn seines Auftritts in der Szene Wien über 400 bis 500 Besucher freut, ist tatsächlich nicht verwunderlich. Seine Melodic-Hardcore-Truppe aus Orange County, Kalifornien, ist zwar in ihrem Genre federführend und zudem gerne und oft rund um den Globus unterwegs, hat aber seit dem vielumjubelten "Our Darkest Days"-Album aus dem Jahr 2006 (!) kein neues Material in die Schlacht geworfen. Der stete Aufmarsch seiner getreuen Anhänger spricht dafür für die Qualität der Songs und der Bühnenshow Ignites.

Für Fans und Kenner
Wie im Hardcore/Punk-Sektor üblich, verstehen es auch Ignite gekonnt, mit einer schweißtreibenden Bühnenperformance und viel überschüssiger Energie eine besondere Intimität einzufangen. Hier sind ausschließlich Fans und Kenner zu Gast – bei Songs wie "Fear Is Our Tradition" oder dem pfeilschnellen "Know Your History" erweisen sich die Anwesenden mit erstaunlicher Textsicherheit bewandert. Jedes Riff der Band koaliert perfekt mit den Gesten der Fans. Dazu können die eher unscheinbaren, aber braven rhythmisierenden Musiker auf einen wahren Bühnen-Charismatiker am Mikro bauen.

Zoli wirkt mit dem schlichten schwarzen T-Shirt und der Basecap nach außen hin wie der typische Westcoast-Amerikaner, macht sich im Gegensatz zu vielen Genre-Mitstreitern aber nicht nur in seinen Songtexten Gedanken über Geschichte, Politik, Umwelt und Gesellschaft, sondern projiziert sich auch als Sprachrohr für das Gute. Ob er für Sea Shepherd (amerikanische Meeresschutzorganisation) wirbt, vor einem brandneuen Song gegen den "Ego-Mist und Nationalismus der Ukraine und Russland" wettert, oder bei "Live For Better Days" von seinem besten Freund Tommy erzählt, der unlängst sein 20-Jahre-Rollstuhl-Jubiläum feierte und das Leben positiver nimmt als alle anderen – Zoli sucht stets das Gute, auch wenn er manchmal Gefahr läuft, ins Wanderpredigerische zu rutschen.

Widersprüche bleiben nicht aus
Dazwischen erfühlt man in der feurigen Show auch Widersprüche. So wettert er, wie eben erwähnt, gegen Nationalismen, bekennt sich aber zu seinem Stolz auf seine Heimat USA und die ungarischen Vorfahren und Verwandten. Seinen Vater verunglimpft er wenig charmant als "Arschloch und gemein", ehrt ihn und alle anderen Väter aber dafür, dass sie stets hart arbeiten und die Kinder an die erste Stelle heben. Zwischen weiteren Top-Songs wie "Let It Burn", "Poverty For All" und dem mitreißenden U2-Cover "Sunday Bloody Sunday" bleibt Zoli aber auch genug Sinn für Humor.

Der fällt mal bitter-ironisch ("Im Juni 2012 habe ich mir beim Stagediven fast den Rücken gebrochen – ich bin froh, hier stehen, für euch singen und meinen Schwanz spüren zu können") und dann mal harmlos-seicht aus ("Gitarrist Kevin wurde gestern in Ungarn von einer Spinne in den Arsch gebissen. Da er nur noch heute zu leben hat, spielen wir jetzt 'My Judgment Day'"). Den stärksten Jubel löst aber das Versprechen eines neuen Albums samt zweier Songkostproben aus. Nachdem der erste Anlauf dazu 2009 durch Zolis Kurzengagement bei den Punk-Legenden Pennywise scheiterte, soll es dieses Mal wirklich so weit sein.

Zeitlosigkeit der Inhalte
Am Ende des 70-minütigen Sets fragt Zoli im Klassiker "Veteran" süffisant "Where are we, where are we now?". Hier, im sommerlichen Punkcore-Himmel, dessen Geigen die Tonalität der Nostalgie beherrscht, möchte ihm so mancher antworten. Ist aber zu stark damit beschäftigt, selber gegen das Establishment zu wettern und für einen Abend die Realität der freien Marktwirtschaft auszublenden. Die Songs mögen mittlerweile acht bis 20 Jahre auf dem Buckel haben – die Inhalte sind aber auch in der Gegenwart anwendbar. Vielleicht ist es auch die Zeitlosigkeit der Thematik, die Ignite Jahr für Jahr modern und frisch erschienen lassen...

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