Do, 23. November 2017

Nach „ZiB 24“-Eklat

29.07.2014 17:13

Facebook-Hetze gegen ORF-Moderatorin Gadenstätter

Nach teils bedenklichen Drohungen gegen Außenminister Sebastian Kurz ist jetzt ORF-Journalistin Lisa Gadenstätter Opfer einer regelrechten digitalen Hetzkampagne geworden: Auslöser war eine aus dem Ruder gelaufene TV-Diskussion in der "ZiB 24" am 25. Juli zum Thema Nahost-Konflikt und zu den rassistischen Übergriffen auf israelische Fußballer in Bischofshofen. Im Internet wurde nach der Sendung gegen die Nachrichtenmoderatorin gehetzt - und ihr sogar der Tod gewünscht.

Zu Gast im Studio sollten am vergangenen Freitag Tamir Pixner von der jüdischen Gemeinde Wien und Abdurrahman Karayazili vom Verein "Union Europäisch-Türkischer Demokraten" (UETD) diskutieren. Doch zu einer richtigen Diskussion kam es in der Sendung nicht. So weigerte sich der UETD-Chef, dessen Verein auch die jüngste Demonstration gegen Israel in Wien organisiert hatte, sich von dem Platzsturm in Bischofshofen zu distanzieren.

Streit vor laufender Kamera
Der Befragte empörte sich stattdessen darüber, dass man in der Sendung über ein Fußballspiel diskutieren wolle - während im Gazastreifen Menschen sterben. Karayazili verlangte in weiterer Folge von Pixner, sich von der Aussage einer rechten israelischen Parlamentsabgeordneten zu distanzieren, die palästinensische Zivilisten als "legitime Ziele" von Angriffen bezeichnet hatte. Pixner weigerte sich mit der Begründung, keine Stellungnahmen zu Aussagen abgeben zu wollen, die er nicht entsprechend kenne.

Als Gadenstätter Karayazili daraufhin fragte, ob er sich wiederum von der Aussage des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan distanziere, wonach das, was Israel Palästina und Gaza angetan hat, über das hinausgehe, "was Hitler den Juden angetan hat", lief die Sendung völlig aus dem Ruder. Auch auf mehrmalige Nachfrage - "Ja oder nein? Wenn Sie mir keine Antwort geben, muss ich annehmen, dass Sie sich nicht davon distanzieren" - war der Studiogast nicht bereit, zu antworten.

Vereinschef stürmte aus dem Studio
Der Vereinschef schwieg zunächst vor laufender Kamera, um sich kurz darauf mit den Worten "Danke, ich verlasse das Studio" das Mikrofon von der Kleidung zu ziehen und aus dem ORF-Studio zu stürmen. Seine Stimme fand der UETD-Chef allerdings wenig später auf Facebook wieder, wo er zu dem Eklat in der "ZiB 24" postete: "Sind wir im Kindergarten, dass wir auf eine Frage mit JA oder NEIN antworten? Der Redakteur, der der Moderatorin ins Ohr die Anweisungen flüstert, wird von der israelischen Lobby gesteuert."

In weiterer Folge entbrannte ein Shitstorm gegen Gadenstätter, der schon bald besorgniserregende Ausmaße annahm. "Hure", "Ich hätte ihr ins Gesicht geschlagen", "Und genau für solche Leute wie ihr, Gott sei Dank gibt es die Hölle", "Von der israelischen Lobby gesteuert", "Eine geistig Behinderte", "Die Strafe wird schmerzhaft sein", "Verkacktes Lebewesen", "Hoffentlich stirbt die dumme Hure" - zahlreiche solcher hetzerischen Postings gegen die ORF-Moderatorin fanden sich auf der Facebook-Seite der UETD, der Pinnwand des in die Sendung geladenen UETD-Präsidenten und einer eigens gegründeten Gruppe, wie unter anderem Efgani Dönmez, Bundesrat der Grünen, im Detail auf Facebook dokumentierte.

Teils wurden die Drohungen mit Klarnamen gepostet, großteils blieben sie lange Zeit unkommentiert stehen, nur die besonders hetzerischen Drohungen wurden offenbar gelöscht. Auf einer von Fans für Gadenstätter eingerichteten Facebook-Fanseite waren sogar Todeswünsche zu lesen, so Dönmez weiter. Damit nicht genug, rief Karayazili zum Online-Protest gegen das "Unrecht" auf, das ihm in der "ZiB 24" widerfahren sei. Mehrere ORF-Stellen bis hin zum Generaldirektor erreichte eine Welle an Beschwerden-Mails über die "unfaire Berichterstattung".

ORF reagiert auf Hetze
Der ORF sah sich daraufhin veranlasst, auf die Hetze gegen Gadenstätter zu reagieren: "Herr Karayazili wurde eingeladen, wie sein Gegenüber auch, Antworten auf Fragen zu präsentieren. Das hat er nicht getan. Mehrmals hat Frau Gadenstätter Herrn Karayazili gebeten, die Spielregeln eines Studiogesprächs zu beachten. Herrn Karayazilis Verhalten machte es unseren Zusehern unmöglich, dem 'Gespräch' zu folgen. Die Chance, seine Argumente live und ungeschnitten dem Publikum darzulegen, hat sich Herr Karayazili durch sein Verhalten weitgehend entgehen lassen. Dies ist bedauerlich, fällt aber nicht in unsere Verantwortung", hieß es in der Stellungnahme des Senders.

Auf Twitter äußerten zudem ORF-Journalisten wie Armin Wolf oder Hanno Settele heftige Kritik an der Hetze gegen ihre Kollegin. Karayazili antwortete per Tweet, distanzierte sich einerseits von der Hass-Kampagne und ortete andererseits Hetzte gegen die UETD. "Niemand hat von der UETD jemanden bedroht. Die Postings sind in keinster Weise akzeptierbar und zu bestrafen", schrieb er in dem Kurznachrichtendienst. Und in einem weiteren Tweet: "Diese Postings sind von einer Seite in Deutschland. Klar distanzieren wir uns von solchen Aussagen. Schwarzkampagne hoch10."

Gudenus fordert UETD-Verbot
Der freiheitliche Wiener Klubobmann Johann Gudenus forderte unterdessen ein Verbot der UETD. "Spätestens jetzt muss der Verfassungsschutz die UETD überprüfen und gegebenenfalls ein Verbot des Vereins durchsetzen", so Gudenus am Dienstag in einer Aussendung. Zuvor hatte bereits eine Welle judenfeindlicher Postings Innenministerin Johanna Mikl-Leitner auf den Plan gerufen. Gemeinsam mit Justizminister Wolfgang Brandstetter arbeitet sie an schärferen Gesetzen zu "Hassverbrechen". Auslöser waren unter anderem hetzerische Postings gegen Außenminister Sebastian Kurz auf Facebook (siehe Story in der Infobox).

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