Do, 23. November 2017

Lokalaugenschein

19.07.2014 17:00

Brüssel: Hinter den Kulissen beim Handelspakt

Chlorhuhn und Co. bestimmen die TTIP-Debatte. Doch wie laufen die Gespräche zwischen EU und USA wirklich ab? Die "Krone" war bei den Geheimverhandlungen dabei.

Die Luft ist schwül und drückend, das Thermometer klettert Richtung 30-Grad-Marke - und es ist erst mitten am Vormittag. Wenn sich der Hochsommer einmal über das sonst meist verregnete Brüssel legt, dann wird es wirklich heiß. Zwischen den Betonschluchten der Beamtenhochburg heizt sich die Luft wie in einem Backrohr auf.

Sicherheitskräfte vor dem Konferenzraum
Vor dem MCE-Konferenzzentrum in der Rue de l'Aqueduc herrscht trotz des tropischen Wetters hektische Betriebsamkeit. Graue Minibusse halten im Minutentakt vor dem Eingang an; Männer mit schwarzen Krawatten steigen aus den klimatisierten Fahrzeugen und lassen sich mit den Aufzügen in die obersten Stockwerke des von Sicherheitskräften bewachten Hochhauskomplexes bringen.

Beide Kontinente sollen profitieren
Auch ein Jahr nach dem Beginn der Gespräche um ein Freihandelsabkommen und sechs großen Verhandlungsrunden zwischen den USA und Europa ist ein Ergebnis noch lange nicht in Sicht. Zu komplex sind die Hintergründe für einen möglichen Vertrag, der bereits im Vorfeld eine Protestlawine ausgelöst hat. Stichworte: Hormonfleisch, Gentechnik oder undurchsichtige Handelsgerichtshöfe.

Für die beiden Chefverhandler ist TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) hingegen zu einer Art Lebenswerk geworden - beharrlich versuchen sie, gegen die Kritik anzukämpfen: "Der Pakt soll einzig und alleine Wachstum und Arbeitsplätze schaffen - und den größten Wirtschaftsraum der Welt." Davon würden beide Seiten gleichermaßen profitieren.

"China und Indien fordern uns heraus"
Auf den ersten Blick könnten Dan Mullaney (USA, links im Bild) und Ignacio Bercero-Garcia (EU, rechts) unterschiedlicher kaum sein. Ersterer ist ein vor Selbstdisziplin strotzender amerikanischer Karrierediplomat. Der Spanier hingegen zieht bei den Gesprächen auch gerne einmal die Schuhe aus, kratzt sich unaufhörlich in seinem Vollbart und könnte wohl auch als Chauffeur der Delegation durchgehen.

Dennoch scheint die Chemie zwischen den Protagonisten zu passen. Man spricht sich mit Vornamen an, tauscht Komplimente aus und betont immer wieder die Gemeinsamkeiten. Man wolle nicht China oder Indien die Vormachtstellung überlassen. Gemeinsam sollen Amerika und Europa die Handelsrichtlinien für die Zukunft vorgeben. Demokratisch legitimiert. Transparent. Sonst würden es eben andere tun. Anders. Und beide Seiten werden nicht müde, zu erklären, dass Standards bei Lebensmitteln, Sicherheit und Umwelt nicht angetastet werden dürfen.

Umstrittener Deal erst im Jahr 2016?
Wie sie diesen Spießrutenlauf meistern wollen, werden die nächsten Monate zeigen. Oder Jahre. Vor Anfang 2016 rechnen Insider nämlich nicht mit einem Abschluss. Und so treffen sich die 100-köpfigen Delegationen beider Seiten (aufgeteilt in 24 Untergruppen) unaufhörlich weiter. Einmal in den sieben Verhandlungsräumen des Konferenzzentrums in der Rue de l'Aqueduc. Das nächste Mal wieder auf der anderen Seite des Atlantik in einer Universität nahe Washington. Doch egal wohin die Diplomaten auch reisen: das sprichwörtlich gewordene Chlorhuhn fliegt immer mit.

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