Mo, 20. November 2017

Live in Stadthalle

17.07.2014 02:36

Paul Anka erinnerte an längst vergangene Epochen

In einer nur mäßig gefüllten Stadthalle F wurde am Mittwochabend der Ursprünglichkeit des Musizierens gedacht. Ohne Schnörkel und Firlefanz, dafür mit zahlreichen Jahrhundertsongs und in konditioneller Top-Verfassung zeige die kanadische Entertainer-Legende Paul Anka auch mit 72 Lebensjahren eindrucksvoll, wie viel man mit sehr wenig machen kann.

In gewisser Weise erinnert er an ein Relikt einer längst vergangenen Epoche. Ein Zeitalter, in dem auf jedweden Firlefanz verzichtet wurde, der Terminus "Playback" noch gar nicht erfunden war und opulente Bühnenbauten so unfassbar surreal klangen wie künstliche Intelligenz. Paul Anka, stolze 72 Jahre alt, gehört tatsächlich noch zu dieser Handvoll Entertainer, die ebenjene Bezeichnung mit Würde und Stolz vor sich herführen dürfen. Kein Michael Bublé mit biederen Witzchen, kein Robbie Williams im Affenkostüm, kein Justin Timberlake samt milchgesichtiger Unschuld. Paul Anka ist ein Crooner, ein Charmeur der alten Schule und vor allem ein Songwriter, wie man ihn heute nicht mehr findet.

Unterwegs mit den Großen
Da passt es bestens, dass er in der nur halb gefüllten Stadthalle F in Wien an ein besonderes Jubiläum erinnert. "Genau in diesem Monat befinde ich mit seit 54 Jahren im Musikgeschäft", erinnert sich Anka wohl doch nicht so ganz genau an die Anfänge zurück. Sein Welterfolg "Diana", eine der meistverkauftesten Singles aller Zeiten und der Opener des Abends in Wien, datiert nämlich aus dem Jahr 1957. Sei's drum – wer sich noch persönlich einen Tourbus mit Fats Domino teilte und Buddy Holly kurz vor seinem tragischen Tod den Welthit "Doesn't Matter Anymore" auf den Leib schrieb, dem darf auch das Gedächtnis ein kleines Schnippchen schlagen.

Mit seiner 14-köpfigen Entourage, orchestralen Elementen, zwei Perkussionisten und zahlreichen Saxofon-Soli würzt der Kanadier seine 105-minütige, ohne Zwischenpause in Bestform abgespulte Show mit gekonntem Genre-Hopping. Zwischen flottem Rock'n'Roll, erdigem Blues, verspieltem Jazz und fröhlichen Country-Anleihen vergisst Anka bei Kultsongs wie "You Are My Destiny", "My Hometown" oder "A Steel Guitar And A Glass Of Wine" auf kein musikalisches Gebiet, das in den frühen 1960er-Jahren populär war. Der im schicken Anzug gekleidete Frontmann lässt es sich dabei nicht nehmen, weibliche Fans zum Tanzen zu verführen und kesse Schmähs abzusondern.

Kampf der Gezeiten
Dazwischen wird man sich unweigerlich der fortschreitenden Zeit gewahr. Während Anka mit dem faserschmeichelnden "Put Your Head On My Shoulders" oder der Klavier-Ballade "Do I Love You" den Geist des Ursprünglichen heraufbeschwört, knipsen die Smartphones das Spektakel im Stakkato-Takt. Auch Anka selbst lässt es sich nicht nehmen, das eine oder andere Selfie mit seinen Getreuen zu schießen. Nichts bleibt für die Ewigkeit – schon gar nicht die einst ungestörte Atmosphäre eines intimen Konzertes.

Doch nicht nur konditionell überrascht der optisch an Silvio Berlusconi erinnernde Crooner, auch stimmlich befindet sich der nimmermüde Top-Star in später Bestform. Hohe und langgezogene Töne funktionieren in der perfekten Akustikumgebung tadellos, nur das Tanzen und Witzeln bringt Anka manchmal außer Atem. Es sei dem Gentleman vergönnt. Selbst wenn er einen Satz wie "Mit so einem Publikum ist das keine Arbeit, sondern Liebe und Vergnügen" in das Oval säuselt, nimmt man ihm die ehrlich und herzerfrischende Freude am Tun mühelos ab.

Unzählige Hymnen
Wie viele Hymnen für die Ewigkeit Anka in seiner üppigen Karriere verfasst hat, lässt sich auch nach diesem Abend nicht herausfiltern. Die hier vorgetragenen "She's A Lady" für Tom Jones, "Love Never Felt So Good" für Michael Jackson oder das von Anka mit englischem Text ausgestattete Sinatra-Kultstück "My Way" sind nur wenige Beispiele für die Qualität und Quantität der Anka'schen Kompositionsgüte. Zudem hat er auch im fortgeschrittenen Alter noch so manchen flotten Spruch auf Lager.

"Tonight My Love" kündigt er mit "Ich schrieb den Song zu einer Zeit, als Elton John nur zwei Brillen und noch kein Kind hatte" an, über einen Strauß Blumen freut er sich mit viel Augenzwinkern: "Danke für die Blumen – ich wusste anfangs nicht, was das ist, aber jedenfalls danke".

Der Paul und der Hansi
Die größten Momente enttarnen sich wie selbstverständlich inmitten des Auftritts. Der Evergreen "Lonely Boy" erinnert zurecht an das Intro von Spiras "Liebesg'schichtn und Heiratssachen", ein gewisser Johann K., einst rekordverdächtiger Ballesterer bei Rapid Wien, hat das rhythmische Stück in Deutsch und mit viel Pathos und Selbstmitleid gecovert.

"Twist & Shout" und "Proud Mary" fügen dem gediegenen Treiben die nötige Portion Pep hinzu. Berührend hingegen "I'm Not Anyone", währenddessen der laut Anka "kompletteste und beste Entertainer aller Zeiten", Sammy Davis Jr., von der Leinwand flimmert, wenn Anka beim Gesang live einsetzt. Anka ist und bleibt der "Elvis der Balladen" und ein Liebhaber des wohltuenden Purismus – hoffentlich auch noch mit 80.

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