Do, 14. Dezember 2017

Russland-Pipeline

28.06.2014 14:43

Baumgarten: Ein Dorf als Gaszentrale Europas

192 Einwohner, kein Wirtshaus, keine Post, aber dennoch unverzichtbar: Baumgarten in Niederösterreich ist einer der wichtigsten Orte Europas - denn hier endet die Russland-Pipeline. Die Bewohner wünschen sich ein bisschen mehr Leben und hoffen auf einen Ausbau des Standorts.

In der glühenden Hitze sieht die Hauptstraße von Baumgarten an der March fast so aus, als würden sich hier gleich zwei Wildwest-Revolverhelden duellieren. Der Weg ist menschenleer, als hätten sich alle Bewohner des Dorfes versteckt, nur die Tür zum Feinkostgeschäft steht offen. Drinnen kauft eine Pensionistin zwölf Marillen. "Hier ist nichts los", sagt sie. "Sobald sie alt genug sind, ziehen die Jungen weg." Das einzige Wirtshaus hat vor 30 Jahren zugesperrt, die Post besteht aus einem gelben Einwurfkasten, und der Pfarrer kommt einmal wöchentlich aus einer anderen Gemeinde angereist.

Baumgarten ist ein Ort, an dem Menschen, die hier seit 25 Jahren leben, sagen, dass sie ERST seit 25 Jahren hier leben und für immer "Zuagraste" sein werden. Und was auf den ersten Blick noch überraschender ist: Baumgarten ist einer der wichtigsten Orte Europas! Nur einen Kilometer entfernt steht jene Gaszentrale, ohne die es kalt und dunkel werden würde auf diesem Erdteil.

Russland-Gas kommt mit 20 km/h zu uns
Von außen sieht der Gasknotenpunkt aus wie alles, was mit OMV zu tun hat: viele Rohre, ein Zaun, siloartige Türme, Hallen, Bürogebäude. Wichtig ist auch nicht, was auf dem Gelände der Gas Connect ist, wichtig ist, was drunter ist: Hier endet nämlich die Russland-Pipeline. Was bei Putin an Gas reinkommt, wird mit 20 km/h sechs Tage lang bis nach Österreich gepumpt. Auf dem 20 Hektar großen Areal findet der Rest statt: Die Qualität wird geprüft, das Gas gefiltert, gemessen, der Druck erhöht und weitertransportiert - nach Deutschland, Slowenien, Ungarn und so weiter.

Und mit der neuen South-Stream-Pipeline gewinnt Baumgarten noch mehr an Einfluss. Die vom russischen Monopolisten Gazprom geplante Leitung soll ab 2017 die Ukraine als Transitland umgehen und Gas durch das Schwarze Meer nach Süd- und Mitteleuropa bringen. Mit noch offenen Folgen für den Standort: Wird ausgebaut? Wie viel Personal mehr wird benötigt? Und was bedeutet das für die Gemeinde nebenan, die sich so sehr gegen das Dorfsterben wehrt?

Ohne Spezialkleidung kein Zutritt zum Gelände
"Wir können das jetzt noch nicht sagen", erklärt Robert Lechner von der OMV. Schon jetzt ist das Gelände mehr als nur imposant. Wer es betreten will, muss Kleidung anziehen, die sonst nur Soldaten im Irakkrieg tragen. Die Hosen und Jacken in Wüstengelb sind antistatisch und flammhemmend.

Ein Funken könnte eine Katastrophe auslösen. Heikel ist die Situation dort, wo die Gasturbinen stehen. Flugzeugtriebwerke sorgen dafür, dass das eintrudelnde Gas auf 70 bar Druck für die Weiterreise erhöht wird. Zündet hier jemand ein Feuerzeug an, muss der Raum in 30 Sekunden evakuiert sein - sonst wird mit Löschschaum geflutet.

Überall hängen Kameras, Türen lassen sich nur mit Spezialkarten öffnen. Für die Baumgartner sind die Putin-Pipeline und der mögliche Ausbau wie ein Defibrillator für ihr Heimatdorf. Pensionistin Edeltraud Schnirch: "Es wird schon alles gutgehen. Immerhin brauchen wir das Gas."

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