So, 22. Oktober 2017

Live in Stadthalle

10.06.2014 02:10

Nine Inch Nails – Großmeister der Zerbrechlichkeit

Nach kreativer Denkpause und fünfjähriger Live-Abwesenheit überzeugten die US-amerikanischen Industrial-Metal-Legenden Nine Inch Nails am Pfingstmontag mit einer furiosen Show in der Wiener Stadthalle. Neben einer stimmlichen Meisterleistung von Frontmann Trent Reznor begeisterte die Kultband vor allem mit einer hervorragenden Setlist und sensationellen Lichteffekten.

Ein Montag gehört nicht zwingend zu den Lieblingswochentagen der arbeitenden Zunft. Ganz anders verhält sich das aber, wenn ein Dreigestirn an besonderen Ereignissen für kollektiven Freudentaumel sorgt. Man zelebriert a) Pfingsten und jubelt über einen Feiertag, kann sich b) bei 30 Grad in den Pool oder Badesee schmeißen und weiß c), dass die abendliche Abkühlung das erste Nine-Inch-Nails-Österreich-Konzert seit fünf Jahren sein wird. Gut 7.500 Fans lassen sich dieses Ereignis in der Wiener Stadthalle nicht entgehen und sorgen dafür, dass der Schweiß in ähnlichen Sturzbächen von den Stirnen rinnt wie nachmittags auf der sonnigen Hausveranda.

Jahrelang amtsmüde
Dass sich Parade-Exzentriker Trent Reznor überhaupt wieder auf opulenter Welttournee befindet, gleicht einer Sensation. Müde wurde er Ende 2008, als er erstmals gänzlich auf gängige Normen im Musikbusiness pfiff und das wenig beliebte "The Slip"-Album zum kostenfreien Download anbot. Die Magie der alten Tage war weg, Reznor hatte von seinem Lebensprojekt lange Zeit genug und hielt sich mit der Zweitband How To Destroy Angels fit, kassierte zudem quasi im Vorbeigehen einen Oscar für die Filmmusik zu "The Social Network".

"Hesitation Marks" war 2013 ein gleichsam überraschendes wie gelungenes Album-Comeback des 49-Jährigen. Dass in der Wien-Setlist mit "Copy Of A", "Disappointed" und "Find My Way" nur drei Songs des unterbewerteten Top-Werkes Einzug finden, liegt einzig und allein daran, dass der Sound zu elektronisch ist, die typischen Stromgitarren-Linien außen vor gelassen werden und das Material über Kopfhörer besser funktioniert. Wer einen lahmen Aufguss einer nach Geld lechzenden Legende befürchtet hat, wird von den Positiva des Abends förmlich erschlagen.

Mystisch, bizarr, leidend
Von der perfekt arrangierten, über nahezu sämtliche Werke des ausführlichen Backkatalogs gehenden Songauswahl über die bahnbrechenden Effekte bis hin zu Reznors filigraner und glasklarer Stimme feiert die Industrial-Metal-Legende aus Ohio einen furiosen Triumphzug. Das Mystisch-Bizarre, das Reznor seit Anbeginn seiner Karriere umgibt, verstärkt sich schon zu Beginn bei den Songs "Me, I'm Not" oder "The Beginning Of The End" mit fahlem Licht und der intensiven Performance des Frontmannes. Ein schwarzes Unterhemd, tonnenweise Charisma und das stete Umklammern des Mikrofonständers reichen, um den meist leidvollen Nummern auch eine optische Heftigkeit beizumengen.

Das Visuelle ist ohnehin bestimmend. 90er-Jahre-Klassikern wie "March Of The Pigs" oder "Reptile" wird eine unglaubliche Lichtshow beigemengt. Von der Decke hängen neun wuchtige Quader, sechs Lichtsäulen befinden sich auf der Bühne und werden von flackernden Stroboskopen und unzähligen Scheinwerfern verstärkt. Während sich Reznor textlich schmerzhaft durch die eigene, dunkle Vergangenheit singt, sorgen die Effekte für die atmosphärische Antithese.

Echt und ungekünstelt
Reznor ist kein Mann großer Fröhlichkeit und anbiedernder Attitüde – echt, ungekünstelt und seine Umwelt ignorierend marschiert er auch in der Stadthalle den Weg des Unnahbaren, lässt erst nach Song zehn, dem Millionenseller "Closer", ein gepresstes "Thank you" ertönen. Dem Publikum ist das freilich egal - textsicher und der Hitze trotzend wird nahezu jeder einzelne Song abgefeiert.

Der fatalistische Nihilismus der alten Tage ist zwar einem souveränen Bühnenprofi gewichen, Reznors intensive Darbietung bei "The Warning", "Wish" oder "Head Like A Hole" lässt dennoch Erinnerungen an den unaufhaltsamen Amok-Musiker der alten Tage aufkommen. Daneben zeigt sein Partner Robert Finck seine Künste an der Gitarre und den Backing Vocals, dahinter flackert die massive LED-Wand mit dreidimensionalen Projektionen, Bombenabwürfen im Zweiten Weltkrieg oder paralysierenden Farbspielen.

Gassenhauer des Alltagsrebellen
In diesen Momenten wird einem die Unsterblichkeit der großen alten Hits gewahr. Auch wenn Reznor heute nicht mehr das Sprachrohr gesellschaftlich verachteter Post-Grunge-Jugendlicher ist, sondern viel mehr fleischgewordenes Synonym von Alltagsrebellen in ihrer krisenbehafteten Lebensmitte, sind "The Hand That Feeds" oder das mit einer eindringlichen Gitarrenlinie ausgestattete, autobiografische "The Day The World Went Away" unverändert gesellschaftssoziale Gassenhauer mit zeitloser Note.

"Hurt", weltweit erfolgreich von Country-Gott Johnny Cash gecovert, macht zum Abschluss der knapp zweistündigen Show noch ein letztes Mal die hervorstechende Zerbrechlichkeit des Sängers gewahr. Lautstarkes Johlen in der Stadthalle, aufstehende Gänsehaut, wohin man blickt. Gut, dass Reznor den Wien-Gig wegen des "großartigen Publikums" per Videokameras mitschneiden ließ. Besser als hier waren die Nine Inch Nails nämlich schon lange nicht mehr.

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