So, 19. November 2017

EZB schockt Sparer

05.06.2014 16:58

Leitzins mit 0,15 Prozent auf neuem Rekordtief

Die Europäische Zentralbank senkt ihre Zinsen auf ein neues Rekordtief. Der Leitzins werde von 0,25 auf 0,15 Prozent gekappt, teilte die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt mit. Zudem müssen Banken künftig einen Strafzins bezahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Dafür wird der Einlagezins erstmals unter die Nulllinie auf minus 0,1 Prozent reduziert. EZB-Chef Mario Draghi: "Der untere Rand ist erreicht."

Weitere Zinssenkungen schloss Draghi im Rahmen einer Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag aus. "Der untere Rand ist heute erreicht", betonte der oberste Währungshüter der EU. Allerdings seien weitere kleinere "technische Anpassungen" möglich. Gleichzeitig erklärte Draghi, dass die Notenbank die Zinsen noch über einen "längeren Zeitraum" auf dem aktuellen Niveau belassen werde.

Draghi kündigt weitere Milliardenspritzen an
Als weitere Maßnahmen kündigte der Italiener neue Milliardenspritzen für das Bankensystem an. Die Vergabe dieser "Notkredite" werde aber bei dem LTRO-Programm (longer-term refinancing operations) anders als bisher an die Bedingung geknüpft, dass Geschäftsbanken die Mittel zumindest teilweise an Unternehmen und Privatkunden weiterreichen müssten. Damit solle die Konjunktur belebt werden. Das Programm soll zunächst einen Umfang von 400 Milliarden Euro haben.

Der Hintergrund: In der Krise hatte die EZB bereits Billionensummen in das marode Finanzsystem gepumpt, um den stockenden Kreditfluss in Teilen der Währungsunion zu beleben. Doch die Banken nutzten das billige Geld stattdessen, um damit höher verzinste Staatsanleihen aufzukaufen. Schon im Jänner hatte Draghi daher erklärt: "Wenn wir wieder etwas Ähnliches machen, wollen wir sicherstellen, dass das Geld in die Wirtschaft fließt."

Euro zwischenzeitlich mit kräftigen Kursverlusten
Der Euro reagierte am Donnerstag auf die Leitzinssenkung zwischenzeitlich mit kräftigen Kursverlusten, die Renditen in angeschlagenen Euroländern sanken weiter. Die Aktienmärkte feierten: Der DAX kletterte erstmals über die Marke von 10.000 Punkten. Im Verlauf des Tages lösten sich die Gewinne aber wieder in Luft auf. Der Dax stand zuletzt sogar leicht unter Druck.

Der geringe Preisauftrieb schürt Sorgen vor einer Deflation, also einer Abwärtsspirale der Preise quer durch alle Warengruppen. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen und Anschaffungen in Erwartung weiter sinkender Preise hinauszögern. Das würde die ohnehin fragile Konjunkturerholung in Europa abwürgen.

Sparbuch bringt im Schnitt 0,125 Prozent Zinsen
Die Senkung des Leitzinses wird sich über kurz oder lang abermals auf die Sparzinsen auswirken, die bereits jetzt im Keller sind. Geld am Sparbuch wird derzeit trotz Verzinsung unter Berücksichtigung der Inflation von Jahr zu Jahr weniger wert. "Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt", hatte Draghi erst in der vergangenen Woche betont.

Wer sein Geld jetzt auf ein täglich fälliges Sparbuch legt, bekommt laut Arbeiterkammer im Schnitt nur 0,125 Prozent Zinsen. Die niedrigsten Zinsen - 0,05 Prozent pro Jahr - zahlen laut AK-Sparbuchvergleich die Oberbank und die Bank für Kärnten und Steiermark. Aber selbst Zinsen von 1,4 Prozent - so viel zahlen derzeit die Renault Bank direkt und die Santander Consumer Bank - sind unterm Strich ein Minusgeschäft. Denn vom bereits schon mickrigen Zinsertrag landet ein Viertel als Kapitalertragsteuer beim Finanzminister. Den Rest - und noch mehr - frisst die Inflation. Die Teuerung liegt aktuell bei 1,7 Prozent.

Längerfristig gebundene Sparformen auch nicht viel besser
Neben der Inflation und der KESt kann die vorzeitige Schließung des Sparbuchs den Ertrag abermals schmälern. Bis zu sieben Euro verlangten die Banken laut AK dafür. Bei Kapitalsparbüchern mit einem fixen Zinssatz für längere Laufzeiten wiederum werden Strafzinsen fällig, wenn das Geld vorzeitig abgehoben wird. Selbst die Zinsen für Gelder, die drei Jahre oder länger lieben bleiben, sind aktuell mit bis zu zwei Prozent nur scheinbar ein Geschäft: Nach Abzug der KESt bleiben 1,5 Prozent übrig - weniger als die aktuelle Inflation.

Dass es den Sparern künftig noch schlimmer ergehen könnte und diesen womöglich sogar negative Zinsen drohen, wird von Vertretern der österreichischen Bankbranche nicht erwartet. Bank-Austria-Chef Willibald Cernko kann "negative Nominalzinsen für unsere Kunden ausschließen", wie er nach dem spektakulären EZB-Entscheid ausrichtete.

Austro-Banker: "Wir bestrafen Kunden nicht"
Gleichlautendes kam von Raiffeisen: "Wir bestrafen Kunden nicht, wenn sie sparen", schloss auch der Vizechef der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien, Georg Kraft-Kinz, nominale negative Zinsen aus. "Unser Geschäftsmodell ist es, Einlagen anzunehmen, um damit Kredite vergeben zu können, darüber hinaus wird am Kapitalmarkt veranlagt", stellte Kraft-Kinz in einer Aussendung fest.

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