Do, 19. Oktober 2017

Auslaufsystem

18.03.2014 09:49

Aus für Windows XP: Für Bankomaten tickt die Uhr

"Never change a running system." Dass die meisten Banken diesen ehernen IT-Grundsatz beherzigt haben, könnte sich jetzt rächen. Denn von den weltweit 2,2 Millionen Geldausgabeautomaten laufen 95 Prozent noch mit dem 13 Jahre alten Windows XP, das am Ende seines Lebenszyklus angelangt ist. Schon 2007 hatte Microsoft angekündigt, dass es das Betriebssystem ab April 2014 nicht mehr unterstützen werde. "Sie (die Banken, Anm.) haben das wohl nicht so ernst genommen", sagt Sridhar Athreya, der Chef der auf die Finanzbranche spezialisierten Technologie-Beratung SunGard Consulting in London.

Jetzt wird es daher teuer für die Banken. Denn nun muss jedes Haus einen Wartungsvertrag mit Microsoft abschließen, wenn es keinen Systemabsturz bei der Geldausgabe riskieren will. Jede der fünf britischen Großbanken werde das rund 50 bis 60 Millionen Pfund (70 Millionen Euro) kosten, schätzt Athreya.

Nach Angaben von NCR, einem der drei großen Bankomathersteller neben Wincor Nixdorf und Diebold, wird nur ein Drittel aller Bankomaten rechtzeitig bis Anfang April auf jüngere Betriebssysteme wie Windows 7 umgestellt sein. "Da gibt es so etwas wie einen Engpass", räumt Doug Johnson ein, der beim US-Bankenverband für Risikomanagement zuständig ist.

Vier von fünf Geldautomaten in Deutschland mit XP
Auch in Deutschland ist das Problem bekannt. "Wir gehen davon aus, dass vier von fünf Geldautomaten mit XP betrieben werden", sagt ein Sprecher von Wincor Nixdorf. "Die Banken haben das seit Jahren auf der Agenda." Was allerdings nicht bedeutet, dass alle schon umgestellt haben. Von den genossenschaftlichen Rechenzentralen GAD und Fiducia, die die 19.000 Bankomaten der Volks- und Raiffeisenbanken betreuen, arbeitet eine noch flächendeckend mit XP, die andere nicht mehr.

"Technik jahrzehntelang vernachlässigt"
Bei der Stuttgarter Volksbank etwa laufen alle 151 Bankomaten und 94 Kontoauszugsdrucker noch mit XP - doch die Bank sieht keine Notwendigkeit zur Eile. Lieber zahlt die Bank für die verlängerte technische Unterstützung, sodass sie sich bis 2017 für die Umstellung Zeit nehmen kann. Auch die britische RBS zahlt lieber Microsoft Geld dafür, dass der Konzern ihre 9.000 Bankomaten für bis zu weitere drei Jahre wartet. Der neue RBS-Chef Ross McEwan hatte im Dezember eingeräumt, dass die Bank ihre Technik jahrzehntelang vernachlässigt habe.

Bankomaten in Österreich bereits umgestellt
Anders die Situation in Österreich: Sämtliche von der Payment Services Austria betreuten Bankomaten, österreichweit mehr als 7.900 Stück, wurden bereits von XP auf Windows 7 umgestellt, wie eine Sprecherin gegenüber krone.at erklärte.

Anderswo wägen viele Institute indes ab, ob sich der Wechsel von XP auf Windows 7 noch lohnt, vor allem wenn die Bankomaten ohnehin bald ausgetauscht werden sollen. "Das muss jedes Haus einzeln durchrechnen", sagt ein Sprecher des deutschen Genossenschaftsbankenverbandes BVR.

"Sorgen um Sicherheit unbegründet"
Sorgen um die Sicherheit müsse sich jedoch kein Bankkunde machen, betont die Deutsche Kreditwirtschaft, das Sprachrohr der fünf Bankenverbände. Denn anders als in den USA oder Großbritannien sind deutsche Bankomaten nicht mit dem Internet verbunden, über das sie bei einer Sicherheitslücke "geknackt" werden könnten. Wincor Nixdorf bietet seinen Kunden zudem eine spezielle Software an, die die Windows-XP-Automaten unangreifbar gegen Schadsoftware von außen machen soll, wie der Sprecher sagt.

In den USA dagegen werden die Bankautomaten über das Internet gewartet. Dort stehen allein 440.000 Terminals, doch viele Banken halten an dem alten, bewährten Betriebssystem fest. "Uns kommt zugute, dass XP kampfgestählt ist", sagt Risikomanager Johnson. Andere nutzen die Softwareumstellung dazu, zugleich die Geräte selbst umzurüsten. Sie arbeiten dort noch mit dem Magnetstreifen, der als besonders anfällig für Manipulationen gilt.

In Deutschland und auch Österreich greifen die Bankomaten stattdessen den als sicherer geltenden goldfarbenen Chip ab, um die Nutzerdaten zu lesen.

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