So, 17. Dezember 2017

Krebsleiden erlegen

09.03.2014 13:34

Ex-Festspielintendant Gerard Mortier ist tot

Er galt stets als streitbarer Charakter, doch seinem letzten Gegner konnte auch er nichts entgegensetzen: Gerard Mortier, der an Krebs erkrankte ehemalige Intendant der Salzburger Festspiele, ist in der Nacht auf Sonntag im Alter von 70 Jahren gestorben. In seiner Salzburger Zeit von 1991 bis 2001 sorgte er regelmäßig für Kontroversen, die nicht nur die Kulturseiten der Zeitungen füllten.

Der Belgier, der vier Sprachen beherrschte, hat über Jahrzehnte die europäische Opern- und Konzertlandschaft entscheidend geprägt und war dabei nie ein Mann der Kompromisse. In seiner Intendanz der Salzburger Festspiele ließ er etwa die Ära Herbert von Karajans endgültig hinter sich und stieß dabei einen Teil des konservativen Publikums vor den Kopf. Immer zu verbalen Bissigkeiten bereit, legte sich das "enfant terrible" der europäischen Kulturszene mit der Salzburger Kulturprominenz ebenso an wie mit der österreichischen Politik.

Und auch an seiner letzten Wirkungsstätte, dem Teatro Real in Madrid, endete das Engagement nicht ohne Konflikte: Mortier bestand darauf, bei der Auswahl seines Nachfolgers im Amt des künstlerischen Direktors mitzureden. Die Verantwortlichen setzten den Belgier jedoch ab, obwohl dessen Vertrag noch lief. Letztlich arrangierte man sich und Mortier diente dem Haus unter dem neuen Chef Joan Matabosch als Berater, auch wenn er da von seinem Krebsleiden bereits sichtlich gezeichnet war.

Bäckersohn, promovierter Jurist, Kunstmanager
Zur Welt gekommen war Mortier am 25. November 1943 im belgischen Gent als Sohn eines Bäckers. Er besuchte die Jesuitenschule und studierte dann Jus an der Genter Universität, wo er 1967 promovierte. Von 1968 bis 1972 war er persönlicher Referent des Direktors des Flandern-Festivals. Mortier lud damals zum ersten Mal die Wiener Philharmoniker nach Flandern ein. Von 1973 bis 1977 war er stellvertretender Operndirektor der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main.

Von 1977 bis 1979 war Mortier künstlerischer Betriebsdirektor der Staatsoper Hamburg, von 1979 bis 1981 hatte er dieselbe Funktion am "Theatre national de l'Opera Paris" inne. Von 1981 bis 1985 war der Belgier Direktor der Brüsseler Oper "Theatre royal de la Monnaie". Nach seiner Salzburger Intendanz übernahm er 2002 die Leitung der Ruhr-Triennale, 2004 zog er als Chef in die Pariser Opernhäuser Bastille und Garnier ein.

New York hatte kein Geld für Mortier
Nach Madrid kam Mortier 2010 per Zufall. Er hatte damals von Paris nach New York wechseln wollen, verzichtete dann aber auf den Posten in den USA, weil die City Opera ihr Budget drastisch kürzen musste - und wohl auch, weil er mit seinem geplanten Programm beim Aufsichtsrat der Oper auf Kritik stieß.

Bald musste jedoch auch sein Teatro Real Abstriche machen - und doch gelang es Mortier, ein einstmals verschlafenes Haus mit spannenden Produktionen wie der Philip-Glass-Uraufführung "The perfect American", der Michael-Haneke-Regie "Cosi fan tutte" oder mit der Opernversion der schwulen Liebesgeschichte "Brokeback Mountain" in die vordere Reihe der europäischen Opernhäuser zu hieven.

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