So, 19. November 2017

Griechenland

15.02.2014 17:00

Zeit für die Zeit: Zu Besuch auf der Insel Euböa

Liebe Eleni, lieber Yannis! Viel zu lange haben wir voneinander nichts gehört, meine griechischen Freunde. Und jetzt und während der nächsten Monate schaut ganz Europa auf euch – mit hoffentlich milderen Augen. Den Vorsitz in der EU habt ihr derzeit inne, die "Zürcher Zeitung" sagt "Klassensprecher aus der letzten Reihe" dazu! Also, in meiner Schulzeit war's in der letzten Reihe eigentlich recht kommod und lustig.

Viel Fröhlichkeit und Freude haben wir auch auf Euböa getroffen. Die Anreise von uns aus ist gar kein Marathon, auch wenn sie über dieses geschichtsträchtige Städtchen führt. Rein ins Flugzeug, zwei Stunden später Landung in Athen, eine halbe Stunde mit dem Bus ans Meer, rauf aufs Schiff, und eine Stunde später ist man auch schon auf der zweitgrößten Insel nach Kreta gelandet. Die Athener haben' freilich noch bequemer – denn die nur 40 Meter breite Trennung von Festland und Evia, wie ihr Euböa nennt, ist durch eine Brücke leicht überwindbar.

Der Wind bläst immer, mal weniger, mal mehr. Und das ist sehr gut so. Denn die Hügel rund um Nea Styra beherbergen Windparks. Und machen die Inselbewohner unabhängig von eventuellen Stromabschaltungen aus Spargründen. Das haben sie recht klug gemacht. Denn sie haben sich in besseren Zeiten die Freiheit von den türkischen Belagerern abgekauft und vertraglich so sichern lassen, dass keine griechische Regierung den Bewohnern Land wegnehmen darf, das nun eben "gutes Land" ist, wie Evia aus dem Altgriechischen übersetzt heißt.

Unter griechischen Freunden
Urlaub auf Euböa heißt Urlaub unter Griechen. Unter griechischen Freunden. Und diese Freundschaften werden ganz schnell geschlossen. Als Tourist fällt man dort nämlich ziemlich auf. Sei es, dass der Herzensmann auch im Urlaub in die berufliche Doktorrolle verfällt und zuerst das Mädchen verarztet, das von einer Katze gekratzt wurde. Und dann den ob eines einzigen Bluttropfens in Ohnmacht gefallenen Papa.

Das machte in dem kleinen Ort so schnell die Runde, dass der Gemüsehändler gleich einen fünften zu den vier bezahlten riesigen, saftigen, duftenden dunkelgelben Pfirsichen packte: "Mann ist stark, isst sicher zwei." Oder bei der nächsten Einkehr in der Taverne gleich einmal der Ouzo mit einem Augenzwinkern serviert wurde – und mit dem lassen sich diese unglaublichen Sonnenuntergänge in den allerprächtigsten Orangerosarotviolett-Tönen noch intensiver genießen.

Kulinarische und kulturelle Genüsse
Apropos genießen. Das könntet ihr auf Evia hemmungslos. Denn es gibt einfach keinen Urlaubsstress und keine Ablenkung in Form von Disco, Partys, Animation oder Sonstigem. Es gibt Griechenland pur, mit dem, was wir so mögen und Zeit im Überfluss. Zeit, in der Früh beim Bäcker unter den Einheimischen Schlange zu stehen und den köstlichen Duft frischen Brotes und frischer Kekse aufzusaugen. Zeit, auf dem Markt dem Käsehändler zuzuschauen, wie er aus einem riesigen Bottich exakt die 20 Deka Schafkäse rausschneidet, die man wollte.

Zeit, ins Dorf Styra in den Hügeln zu fahren. Auf dem Weg dorthin bei einer Kapelle stehen zu bleiben und ein bisschen mit den Damen unterm Baum zu plaudern. Zeit, sich ins Kafeneon zu setzen, und bei einem – oder zwei – Eis dem Besitzer zuzuhören. Über längst vergangene Zeiten, als Hera auf Evia lebte und Zeus sich in einen frierenden Vogel verwandelte, um ihr Mitleid – und ihr Herz – zu gewinnen.

Zeit, unter einem riesigen Maulbeerbaum mit Stelios und Marilena und allen Kindern den mit Bifteki, Tsatsiki, gebratenem Gemüse, Salat, Oliven, Wasser und Wein prall gedeckten Tisch leer zu futtern. Zeit, den berühmten grünen Marmor zu finden, aus dem die vier großen Säulen im Petersdom in Rom gehauen sind. Zeit, im kristallklaren Meer vor Nea Styra oder auch Marmari zu schnorcheln und winzigste Muscheln zu finden. Ja, wenn ich es genau überlege, würde ich Evia mit "Zeit haben" übersetzen.

Besuch beim interessantesten Gericht der Welt
Zeit, den Fischern zuzusehen im Sonnenuntergang. Zeit für einen Ausflug, z.B. nach Avlonari, wo das wohl interessanteste Gericht der Welt tagt, nämlich bloß zweimal im Jahr. Da sitzen dann Richter, Staatsanwälte, Verteidiger und Angeklagte bei einem Ouzo zusammen und finden gerechte Urteile. Oder einen Ausflug nach Kymi, einem fast quirligen Städtchen, wo in der Frauengenossenschaft noch Seide nach alter Tradition produziert wird. Im Kloster von Sotiros scheint die Zeit überhaupt stillzustehen.

Nur ein bisschen Zeit brauchen die Feigen zum Reifen. Und nur ein bisschen Zeit braucht man für ein köstliches Rezept, sagt mir Marilena. Man nehme frische Feigen, Zwiebel, Knoblauch, lässt das karamellisieren, gibt frische Tomaten, Salz, Pfeffer, Kräuter von der Insel – die man selber überall pflücken kann, also Basilikum und ein bisschen Oregano und ein bisschen wilden Thymian - dazu, einen Tupfer Crème fraiche und, wenn man mag, Parmesan drüber. Nudeln drunter. "Wenn du das machst, dann denk an uns", sagt Marilena. Na, wie denn nicht?!

Weil gut Ding aber manchmal trotzdem Weile braucht, warum macht ihr eigentlich nicht irgendeinen der EU-Gipfel auf Evia? Gebt den EU-Häuptlingen den warmen, frischen Spinatstrudel von Stelios' Mama, reserviert für sie Fische, die immer gleich weg sind, weil sie eben nur fangfrisch auf den Teller kommen, gebt ihnen doch genau das, was ihr habt und sie offensichtlich nicht haben wollen in ihren Entscheidungen – Zeit. Yassou, meine griechischen Freunde, auf ein Wiedersehen, wenn es die Zeit erlaubt.

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