Mi, 18. Oktober 2017

Großes Comeback

21.01.2014 17:00

Boy George: Ein Comeback mit galantem Retro-Chic

Der englische Kultmusiker Boy George durchwanderte in seiner aufregenden Karriere schon sämtliche Höhen und Tiefen. Ein Dasein zwischen hohen Chartplatzierungen, Kokainabhängigkeit und dem Gefängnis. Dass er aber mit einem komplett neuen Studioalbum zurückkommt, hätte man dem 52-Jährigen nicht mehr zugetraut. "This Is What I Do" klingt zudem weitaus besser, als man erwarten konnte.

Es ist definitiv die erste große Sensation des Jahres. Boy George, kultiger Dandy der 80er-Jahre-Popszene (Culture Club), Selbstinszenierer par excellence und unermüdlicher Kämpfer für die breite Akzeptanz von Homosexualität und gegen seine inneren Drogendämonen, kehrt Anfang dieses Jahres mit "This Is What I Do" tatsächlich wieder auf die Pop-Bühne zurück. 19 Jahre nach seinem letzten vollen Studioalbum "Cheapness And Beauty" versucht es der leicht ergraute 52-Jährige noch einmal und räumt dabei tatsächlich mit den Geistern seiner Vergangenheit auf.

Aus dem Sumpf gezogen
Schon das ichbezogene Coverartwork des galanten Briten vermittelt ein vitales Bild einer erfolgreichen Regeneration. Sichtlich erschlankt und mit einem lasziven Seelenblick ausgestattet, bittet Boy George nicht etwa um eine Chance, noch einmal gehört zu werden, sondern geht selbst in die Offensive. Das neue Jahrtausend war schließlich nicht gut zu ihm. Sozialdienst als Straßenkehrer in New York wegen Drogenbesitzes, danach noch vier Monate Gefängnis wegen Fesselung eines Callboys. Vom gefeierten Pop-Wunder in die Niederungen boulevardesker Klatschspalten – lediglich seine Tätigkeit als DJ ließ das Blitzlichtgewitter positiv donnern. Zeit also, um selbst tätig zu werden.

"Ich ging zurück zum Soul, zur Essenz meines Handelns", betont der Künstler im Interview, "es gab über die letzten Jahre hinweg viele Perioden, in denen ich keine Musik hörte. Es war so, als ob die Vögel nicht mehr singen würden. Schließlich kann ich meinen eigenen Gemütszustand aber mit der Menge an Musik, die ich höre, messen." Auch wenn Boy George Zeit seines Lebens die Studioarbeit hasste, versprüht "This Is What I Do" wohlige Wärme, führt anfangs aber in die Irre. Der Opener "King Of Everything" ist ein klassisches Stück Erwachsenen-Pop mit durchdringender Melodie und memorablem Refrain, verpufft aber ebenso schnell, wie es aufgetaucht ist.

Zurück zu den Wurzeln
Im weiteren Verlauf wendet sich der George'sche Sound nämlich dem Soul und Reggae zu. Leichtfüßig tänzelnd der Meister der optischen Extravaganz zwischen jamaikanischen Sonnenklängen, englischem Working-Class-Hero-Dub und schreckt auch nicht davor zurück, mit "Death Of Samantha" einen mehr als 40 Jahre alten Yoko-Ono-Song zu covern. Programmatisch für die gewollte Ausrichtung des Albums. "Wir sind mit dem Sound bewusst in die 70er-Jahre zurückgegangen, weil mich diese Zeit als Musiker und Mensch geformt hat", klärt uns Boy George auf, "auch wenn Culture Club eine klare 80er-Band war, hatten wir unsere Wurzeln im Reggae, Glam Rock, Punk Rock und Disco der 70er."

Die größte Überraschung in schwungvollen Songs wie "Live Your Life", "Love And Danger" oder "It's Easy" ist das Stimmtimbre von Boy George. Nie zuvor war der Brite so vielseitig unterwegs, ohne dabei an hörbare Grenzen zu stoßen. Darüber, dass er es mit Bombast und Pathos in "My God" übertreibt oder auf "Any Road" eher bemüht durch den Song mäandert, kann angesichts der mehr als passablen Gesamtleistung hinweggesehen werden. Vor allem am Ende fährt er alle Geschütze auf und parkt mit "Play Me" und "Feel The Vibration" die vielleicht besten Songs des Albums. Vom "Comeback des Jahres" zu sprechen wäre jetzt noch vermessen, aber "This Is What I Do" ist ein in dieser Form nicht erwartetes Lebenszeichen einer einst gescheiterten Künstlerexistenz. Und das ganz ohne überbordende Selbstinszenierung.

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