Mo, 21. Mai 2018

Ein Auge zudrücken?

22.01.2014 21:41

Fiat 500L: Herzensbrecher mit kleinen Fehlern

Es ist gar nicht so lange her, da hat man über einen Fiat-Family-Van nicht gesagt "oh, ist der niedlich!", sondern "oh Gott, ist der hässlich!". Doch das aktuelle Modell heißt nicht Multipla, sondern 500L und ist in der Klasse an Knuddeligkeit nicht zu übertreffen. Das kann als Kaufentscheidung schon reichen, schließlich ist der Kauf eines Teddybären auch keine Vernunftentscheidung.

Im Fiat-Konzern haben sie den 500L besonders lieb, denn er verkauft sich wie warme Semmeln. Dabei handelt es sich gar nicht – wie man angesichts des Namens vermuten könnte und wie in der Werbung auch gesagt wird – um einen gestreckten 500er, sondern um einen recht geräumigen Kasten (auf Punto-Basis) mit Stupsnase und Designelementen des Namensspenders. Eine Studie, die sich tatsächlich an den legendären Fiat 500 Giardiniera anlehnt, ging nie in Serie.

Im Testwagen kommt schon beim Einsteigen Urlaubsstimmung auf: Bicolor-Design, ansprechend verspielt, Stoff und Leder, dazu so viel Licht wie an einem Tag am Meer, weil es hier einfach jede Menge Fensterflächen gibt. Sogar das ganze Dach ist eine einzige (nicht zu öffnende) Glasfläche (Serie in der Top-Ausstattung Lounge). Mich persönlich versetzt eher die Aussicht auf einen echten Espresso in Verzückung, denn der Testwagen hat sogar eine Kaffeemaschine eingebaut.

Licht und Schatten im Innenraum
Beim Fahren bewährt sich der hohe Glasanteil gleich in der Praxis, weil er den Fiat 500L sehr übersichtlich macht. Die A-Säule ist zweigeteilt und behindert die Sicht einfach gar nicht – solange die Scheiben trocken und sauber sind. Ansonsten verschwinden dahinter optisch ganze Straßenzüge, was Kurvenfahren zum Blindflug macht. Konzentrieren wir uns also lieber auf die Akustik, was dank dem "beats by dr.dre"-Soundsystem um 700 Euro richtig Spaß macht. Es bringt fetten Sound und drängt den brummeligen 105-PS-Diesel des Testwagens in den Hintergrund. Allerdings ist es wohl nicht so ganz ausgereift: Beim Musikhören via iPhone und Bluetooth hat die Anlage immer wieder geglaubt, es handle sich um ein Telefongespräch – und so klingt das dann auch.

Beim Platzangebot geht es weiter nach dem Motto "im Prinzip – aber". Im Prinzip herrschen im Fiat 500L opulente Platzverhältnisse – aber man sitzt nirgends richtig gut. Für ein 4,15-Meter-Auto ist die Beinfreiheit hinten sensationell, aber leider schränkt der Rahmen des Glaspanoramadaches die Kopffreiheit extrem ein. Dem könnte man entgehen, indem man die geteilte Rückbank (zumindest teilweise) ganz nach vorne schiebt – allerdings bleibt dann kein Platz mehr für die Beine. Okay, wenn man den 500L als Familienauto sieht und der Nachwuchs noch nicht in der Pubertät und damit klein genug ist, mag das nicht stören.

Richtig unangenehm wird es jedoch vorne. Dort sind die Sitzflächen derart rekordverdächtig kurz, dass man sich fühlt, als säße man auf einer Sessellehne. Dadurch verspannt man sich beim Fahren ständig, von Seitenhalt will ich gar nicht reden. Das mag vielleicht für 1,60 Meter große Menschen passen, wesentlich größer sollte man aber nicht sein.

Ein Familienauto sollte vor allem praktisch sein, und genau darum bemüht sich der 500L, jedenfalls teilweise. Der Kofferraum ist sehr variabel und fasst 343 bis 1.310 Liter, mit vorgeschobenen Rücksitzen sind es 400 Liter. Der Beifahrersitz ist zu einem Tisch faltbar, wodurch auch 2,40 Meter langes Ladegut unterkommt. Der Ladeboden im Kofferraum ist verstellbar, die Rückbank lässt sich komplett nach vorne klappen. Dadurch geht keine Innenhöhe verloren, aber sie steht als sperriges Trumm hinter den Frontsitzen. Man kann auch einfach nur die Lehnen nach vorne klappen, aber eine ebene Ladefläche bekommt man in keinem Fall.

Was für einen Family-Van gar nicht geht, sind die fehlenden Ablagen vorne. Die Getränkehalter halten nichts außer Kleinkram, zwischen den Vordersitzen findet sich ein Handbremshebel wie aus einem Flugzeug, aber kein Ablagefach, und in die schmalen Türfächer passen keine großen PET-Flaschen.

Eile mit Weile - so fährt sich der Fiat 500L
Der Testwagen hat den 1,6-Liter-Diesel mit 105 PS unter der Haube, der das stärkste Triebwerk darstellt und trotz des eher lang übersetzten Getriebes für flottes Vorankommen sorgt. Ab 1.750/min. stellt er sein maximales Drehmoment von 320 Nm. zur Verfügung. Als Sparefroh erwies er sich nicht – laut Bordcomputer genehmigte er sich im Durchschnitt 7,8 Liter pro 100 Kilometer. Laut Norm sind es 4,5 l/100 km.

Das Fahrwerk ist auf der komfortablen Seite zu Hause. Es federt böse Straßen weg, cruist die Familie gemütlich ans Ziel und die Lenkung lässt sich auf Knopfdruck (City-Funktion) mit dem kleinen Finger bedienen. Eilig sollte man es allerdings nicht haben, denn dann wird der Fiat zum schwammigen Schaukelstuhl. Die Lenkung wirkt gefühllos und unpräzise, die Seitenneigung würde einem wiederaufgelegten 2CV zur Ehre gereichen. Also vielleicht doch lieber den 95-PS-Einstiegsbenziner, und auch die 225er-Reifen braucht's nicht. Okay, ja, für die Optik.

Dolce far niente – die eingebaute Espressomaschine
Jetzt ein Espresso! Was für ein Glück, dass eine Espressomaschine (kostet 450 Euro) an Bord ist – habe ich gedacht. Doch es bleibt bei kaltem Wasser und einer Lavazza-Kapsel, denn die Maschine ist leider kaputt und macht nicht Kaffee, sondern nichts.

So bleibt ein zwiespältiger Eindruck vom Fiat 500L, der ab 16.600 Euro zu haben ist und im Fall des Testwagens inklusive Extras über 27.000 Euro kostet, und ein bitterer Nachgeschmack, der leider nicht vom Kaffee kommt.

Warum?

  • Der knuddeligste Van seiner Klasse
  • Viel Platz
  • Hervorragende Übersichtlichkeit, wenn die Scheiben trocken sind

Warum nicht?

  • Schwächen im Detail
  • Schwammiges Fahrverhalten

Oder vielleicht …

… ein Auge zudrücken?

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