Fr, 15. Dezember 2017

Bleibt Heimat fern

22.12.2013 19:42

Chodorkowski: "Werde mich aus Politik raushalten"

Michail Chodorkowski sucht nun die Öffentlichkeit: Nach zehn Jahren Haft hat sich der Kremlkritiker erstmals der internationalen Presse gestellt. In Berlin äußerte er sich am Sonntag zu seinen Zukunftsplänen und schilderte die schwerste Zeit seines Lebens. Er werde sich definitiv aus der Politik heraushalten, betonte der Russe. Über seine finanziellen Verhältnisse sagte Chodorkowski: "Es reicht zum Leben." Es gibt freilich Schätzungen, wonach der ehemals reichste Russe noch über einige Hundert Millionen Euro in der Schweiz verfügen soll.

Das Medieninteresse an der Pressekonferenz war enorm, es kam zu tumultartigen Szenen. Mehrere Fernsehsender übertrugen die Pressekonferenz des Erzrivalen von Russlands Präsident Wladimir Putin live - auch nach Russland.

Dank an Merkel und Genscher
Der sehr gut aufgelegte 50-Jährige dankte zunächst vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher für ihre Unterstützung. Ohne den Einsatz Merkels und die "Anstrengungen" Genschers wäre er nicht in Freiheit, sagte Chodorkowski in Gegenwart seiner Eltern. In seiner Dankesrede erwähnte Chodorkowski auch seine zahlreichen Unterstützer und Medien, die sich mit ihren Kampagnen für ihn eingesetzt hatten.

Der frühere Chef des Ölkonzerns Yukos betonte, er werde in Russland keine oppositionellen Gruppierungen oder Parteien finanziell unterstützen und der Politik gänzlich fernbleiben. "Ich kenne meine finanziellen Verhältnisse derzeit nicht", meinte Chodorkowski. "Das Geld reicht mir zum Leben. Fußballvereine werde ich nicht kaufen."

Für neuen Machtkampf fehlt das Geld
Für einen neuen Kampf gegen Putin dürfte das Geld des früher auf acht Milliarden Dollar geschätzten Geschäftsmannes jedenfalls nicht mehr reichen. Vielmehr wolle er nun Schulden zurückzahlen, "und zwar jenen Menschen, die das zu Recht von mir erwarten", so der Ex-Oligarch. Damit meinte er "jene Menschen, die noch im Gefängnis sitzen. Wie das konkret aussehen soll - geben Sie mir ein bisschen mehr Zeit".

Wo er künftig leben wird, ließ Chodorkowski offen. "Ich hatte bisher noch keine Möglichkeit, mich mit meinen Familienangehörigen zu beraten." Zunächst einmal wolle er in Deutschland bleiben. "Ich habe ein Visum für ein Jahr. Dieses Visum habe ich erst einmal", so Chodorkowski.

Rückkehr nach Russland wegen Geldstrafe derzeit unmöglich
Auf eine Rückkehr nach Russland will der ehemalige Oligarch vorerst verzichten. Der 50-Jährige begründete dies damit, dass er keine Garantien habe, dann auch wieder ausreisen zu dürfen. Ein Grund dafür sei eine gegen ihn verhängte und noch gültige Geldstrafe von umgerechnet gut 400 Millionen Euro, wie Chodorkowski zuvor vor Journalisten erklärt hatte.

Der einstige Widersacher Putins forderte Deutschland und andere westliche Demokratien auf, das Schicksal von anderen politischen Häftlingen in Russland nicht zu vergessen: "Ich hoffe sehr, dass die Politiker, wenn sie sich mit Wladimir Putin austauschen, daran denken, dass ich nicht der letzte politische Gefangene in Russland war." Er werde sich auf jeden Fall für politische Häftlinge einsetzen.

Gegen Sotschi-Boykott
Der Kremlgegner sprach sich in seiner rund 30-minütigen Rede gegen einen Boykott der ersten Olympischen Winterspiele in Russland aus. Die Spiele in Sotschi seien ein "Fest des Sports" für Millionen von Menschen. "Das sollte man nicht verderben", sagte Chodorkowski. Zugleich äußerte er die Hoffnung, dass Kremlchef Putin das Ringespektakel nicht zu einem "persönlichen Fest für sich" mache.

Die Winterspiele werden am 7. Februar im russischen Schwarzmeer-Kurort Sotschi eröffnet. Mehrere internationale Politiker hatten wegen der Menschenrechtslage in Russland ihre Olympia-Reisen abgesagt.

Kein Interesse an Yukos-Anteilen
Bereits vor der Pressekonferenz hatte der prominenteste russische Häftling durchsickern lassen, dass es offenbar eine Absprache mit seinem Erzfeind Putin gegeben habe. Zwar seien an seine Begnadigung keine Bedingungen geknüpft, sagte Chodorkowski in einem Interview mit der russischen Zeitung "The New Times". Er habe jedoch Putin in einem Brief erklärt, dass er nicht politisch tätig werden wolle. Auch um eine Rückgabe seiner Anteile am zerschlagenen Yukos-Konzern wolle er nicht kämpfen, ergänzte der 50-Jährige.

Unerwartete Haftentlassung
Putin hatte Chodorkowski am Freitag in einem spektakulären Schritt aus humanitären Gründen begnadigt - laut Angaben des 50-Jährigen musste er seine Sachen um zwei Uhr nachts plötzlich packen und in einen Hubschrauber steigen. Nach seiner Freilassung aus einem russischen Straflager reiste Chodorkowski gleich nach Berlin, wo er am Samstag auch seine Eltern und seinen ältesten Sohn in die Arme schließen konnte (Bild 2 zeigt die wieder vereinte Familie).

Nach dem Wiedersehen mit seinen Eltern und seinem ältesten Sohn werden nun auch Chodorkowskis zweite Ehefrau Inna und die drei gemeinsamen Kinder in der deutschen Hauptstadt erwartet. Am Sonntag hielten sich Frau und Kinder noch in der Schweiz auf, hieß es aus seiner Umgebung. Er selbst wohnt derzeit im Hotel "Adlon" am Brandenburger Tor.

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