Do, 24. Mai 2018

Spionage als Kritik

05.12.2013 19:26

Schweizer Zeitung überwachte Geheimdienstchef

Vertauschte Rollen: Die Schweizer "Wochenzeitung" (WOZ) hat einen Tag lang den Chef des nationalen Geheimdienstes ausspioniert. "Wir wollten den Spieß umdrehen und zeigen, wie es ist, wenn man ausspioniert wird", begründete Redakteur Stefan Howald am Donnerstag die ungewöhnliche Aktion.

Anlass für die Überwachung "des obersten Überwachers des Landes" ist die aktuelle Sonderausgabe zum Thema Geheimdienste und Datenschutz der WOZ. Darin gibt die linksgerichtete Zeitung, neben Berichten zu Überwachung und weiteren Themen rund um die Privatsphäre jedes einzelnen Bürgers, tiefe Einblicke in das Privatleben des Chefs des Nachrichtendienste des Bundes (NDB), Markus Seiler.

Auf einer eigens eingerichteten Internetseite gibt die Zeitung zudem einen Einblick in ihre Recherche - in durchwegs humoristischer Manier. So begrüßt der Geheimdienstchef die interessierten Leser auf "seiner" Website mit einem fiktiven Schreiben:

"Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, Willkommen auf meiner Website! Nachdem ich schon alles über Sie weiss, dürfen Sie jetzt auch mal etwas über mich erfahren. Denn nur ein transparenter Geheimdienstchef ist ein moderner Geheimdienstchef. Und wer nichts zu befürchten hat, hat auch nichts zu verbergen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Durchleuchten meines Lebens. Glauben Sie mir, das macht Spass! Herzlich, Ihr Markus Seiler"

Nachbarn befragt, Finanzen offenbart
Die Reporter befragten für "Der überwachte Überwacher" unter anderem Seilers Nachbarn und seinen ehemaligen Grundschullehrer. Auch Einzelheiten über das Einkommen und die Vermögensverhältnisse des Geheimdienstchefs wurden von der Zeitung veröffentlicht. Wenn es schon für Journalisten so einfach sei, an Informationen zu gelangen, stelle sich die Frage, welche Datenmengen der Geheimdienst mit seinen ausgefeilten Methoden sammeln könne, erklärte die "WOZ".

Auf das Angebot der Zeitung, gegen eine Zahlung von 120.000 Franken (97.690 Euro) alle 60.000 Exemplare der Ausgabe aufzukaufen, ging Seiler nach Angaben der Redaktion übrigens nicht ein. Der NDB wollte sich nicht zu der Aktion äußern.

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