Mo, 20. November 2017

Live im Gasometer

14.11.2013 00:25

White Lies lieferten einzigartige Melancholie

Der Mittwochabend stand im Wiener Gasometer ganz im Zeichen der Laserstrahlen. Während die britischen Trendsetter White Lies ihre melancholischen Hymnen statisch und weitgehend kommentarlos von der Bühne zockten, ließen die Backgroundeffekte nichts zu wünschen übrig.

Schnell hatten Medien White-Lies-Frontmann Harry McVeigh die Post-Punk-Medaille umgehängt. Doch er ist genauso wenig Ian Curtis wie die White Lies Joy Division. Natürlich sind Ansätze und Parallelen vorhanden, doch auch der einzige Österreich-Auftritt im Wiener Gasometer zeigt die einst so stark gehypten Briten als völlig eigenständiges Musikprodukt mit dem Gespür für in das Herz gehende Songs und schwelgerisch-schöne Melodiebögen.

Die Kraft der Stimme
Den Londonern war die Musik schon immer wichtiger als die Optik. Ein guter Song mit markanten Hooklines braucht weder exaltiertes Bühnengepose, noch grell ins Auge stechende Kleidungsstücke. Stimme und Instrumente reichen bei den White Lies völlig, um das eher mäßig besuchte Oval so richtig schön zum Kochen zu bringen.

Dass das 2009er Debütalbum "To Lose My Life...", der Startschuss für die senkrecht nach oben verlaufende Karriere der drei jungen Männer, noch immer so stark nachhallt, beweist schon der gleichnamige Opener. "Let's Grow Old Together – And Die At The Same Time" tönt es immer und immer wieder. Im memorablen Melodienmantel verpackt, wühlen sich die Refrain-Zeilen wie Bandwürmer durch die Gehörgänge. Können derart junge Menschen so reif und erfahren klingen? Die Antwort ist ein klares Ja!

Professionelles Kaschieren von Schwächen
Im Gegensatz zu vielen Branchenkollegen versuchen die White Lies gar nicht erst, sich in ein gezwungenes Unterhaltungskorsett zu pressen, sondern erklären ihre Introvertiertheit zur Angriffsstärke. Die knapp 80-minütige Bewegungslosigkeit ermüdet in Teilen, doch die Briten haben eine ganz besondere Fähigkeit im Talon: Aufgrund der schlüssigen Kompositionen, der melancholischen Ausrichtung und der herzhaften Darbietung fällt die Abstinenz von Mimik und Gestik überhaupt nicht auf.

Effekte kommen maximal aus den Hintergrund – beim Auftaktsong sorgt das dauerflackernde Stroboskop für Erblindungsängste, gleich darauf färt die Band zu "There Goes Our Love Again" eine beachtliche Lasershow auf, die sich im Laufe des Abends immer wieder passend wiederholt.

Magie des Alten
Trotz des passablen Erfolgs des brandneuen Werkes "Big TV" wissen die White Lies um die Magie ihres Debüts, diesen vertonten Schlüssel in die große weite Welt. "A Place To Hide", "Farewell To The Fairground" oder "Unfinished Business" vermitteln auch vier Jahre später noch die einstige Frische, die dem neuen Material zu Teilen abhandengekommen ist.

Vor schön aneinandergereihten, senkrechten LED-Leinwänden, clubbigen Lichteffekten und Laserstrahlen zum Quadrat kann sich McVeigh besonders gut verstecken und dabei auf das Wahre konzentrieren – Kraft und Schmerz in seiner Stimme und die stets in Moll-Bereichen mäandernde Gitarre.

Die Lasereffekte dienen einzig und allein der optischen Spannungserhaltung, denn Rampensäue werden die White Lies in diesem Leben nicht mehr. Das Prince-Cover "I Would Die 4 U" funktioniert bei den Fans genauso gut wie "Streetlights" und das von so manchem Besucher Wort für Wort mitgesungene "Death".

Launiges Wechselspiel
Trotz all der Schwere, der 80er-Jahre-Referenzen und der mystisch-dunklen Grundeinstellung flüchtet sich McVeigh keinesfalls in missmutige Elegie, sondern bedankt sich in den Zwischenpausen fröhlich und lächelnd, bevor er den Schalter wieder auf düster switcht. Nach dem Super-Hit "Bigger Than Us" verlassen die White Lies viel zu früh die Bühne. Zumindest aber mit dem Beweis, dass sie keine Post-Punk-Epigonen, sondern eine konstituierte Eigenmarke sind.

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