Mi, 22. November 2017

„Krone“-Interview

05.11.2013 17:00

Chvrches: „Wir werden keine Außerirdischen!“

Das schottische Indie-/Synthie-Pop-Trio Chvrches wurde durch seine eingängig-zerbrechlichen Electro-Hymnen über das Internet bekannt und grast derzeit ganz Europa ab, um sein Debütalbum "The Bones Of What You Believe" einer breiten Masse näherzubringen. Aus England klingelte Bandmember Martin Doherty bei der "Krone" durch, um kurz über den grassierenden Chvrches-Hype, die zwiespältige Bezeichnung des Wortes "Pop" und sexuelle Anfeindungen im Internet zu sprechen.

"Krone": Martin, Chvrches gehören momentan zu den meistgehypten Bands im gesamten Pop-Sektor. Was denkst du darüber?
Martin Doherty: (lacht) Keine Ahnung, stimmt das denn wirklich? Wir haben den Kopf nicht voll davon, aber natürlich ist uns als Band die Rückmeldung unserer Fans sehr wichtig. Wir wollen auch die Aufmerksamkeit der Leute erregen. Wir schauen einfach darauf, dass wir möglichst gute Songs schreiben und ein gutes Verhältnis zueinander haben. Viele Künstler verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Das wollen wir natürlich verhindern.

"Krone": Songs wie "The Mother We Share" geisterten schon vor eurem Debütalbum "The Bones Of What You Believe" durch die Szene und haben die Erwartungshaltung ganz schön hoch gesetzt. Seid ihr da wirklich ohne Druck an die Aufnahmen rangegangen?
Doherty: Das kann man ja durchaus mit diesem Hype-Ding vergleichen. Ein wichtiger und guter Teil an unserer Arbeitsweise ist, dass wir uns total auf die Sache konzentrieren können. Wir schließen uns in unserem Studio in Glasgow ein und achten einfach nicht auf das Drumherum und sind dort völlig in unserem Arbeitsprozess vertieft. Am Album gearbeitet haben wir ursprünglich ja schon, bevor irgendjemand wusste, wer wir überhaupt sind. Das war sehr gut, um den Druck schon im Vorfeld abzuwenden. Bevor wir die ersten Feedbacks auf "The Mother We Share" bekommen haben, wussten wir schon, dass wir uns auf einem guten Weg befinden. Das Feedback hat die Freude auf das Album nur noch verstärkt.

"Krone": Wenn ihr dann aber das zweite Album in Angriff nehmen werdet, wird das wohl um einiges schwieriger.
Doherty: Da wird sich meiner Meinung nach nichts ändern. Bevor wir dann wirklich losstarten, werden wir wieder Demos aufnehmen und die Ideen abgleichen, da versuchen wir auch, nichts an uns ranzulassen. Ich liebe es aber, live zu spielen, auf Tour zu gehen und die Leute zu sehen – das macht mich glücklicher, als im Studio zu sitzen. Wir achten auch darauf, dass wir möglichst viele Konstanten behalten. Beispielsweise fahren wir noch immer mit dem gleichen Bus herum, denn wir schon ganz zu Beginn unserer Karriere hatten. Wir machen uns den Druck ohnehin selbst und haben nicht vor, zu Außerirdischen zu werden, die plötzlich 500.000 Pfund für einen Auftritt verlangen. Das liegt nicht in unserer Natur.

"Krone": Hat eure doch eher industrielle Heimatstadt Glasgow eine besondere Atmosphäre, die sich in eurem Sound widerspiegelt?
Doherty: Es ist ein sehr einzigartiger Ort und sehr speziell, wenn es um Musik geht. Irgendwie spielt jeder Musiker in Glasgow an die 200 Shows in diversen kleinen Clubs und jeder von uns in der Band hat das auch schon mitgemacht. Das hat natürlich eine gewisse Wirkung auf jeden von uns. Auch die elektronische Szene hier ist sehr lebendig, und das wirkt sich durchaus sehr erfolgreich auf viele Bands hier aus. Für die Inspiration eines jeden Künstlers ist es sehr wichtig, zu wissen, woher er kommt und warum er seine Kunst macht.

"Krone": Wenn wir von elektronischer Musik sprechen, müssen wir auch von Depeche Mode reden. Sie gehören zu euren größten Idolen und im Juli hattet ihr die Chance, vier Mal mit ihnen die Bühne zu teilen. Woran erinnerst du dich dabei besonders gerne zurück?
Doherty: Das war wirklich eine sehr große Ehre. Als wir mit ihnen gespielt haben und sie sich auch noch positiv über uns auf ihrer Website geäußert haben, war das schon wie ein Traum, der wahr geworden ist. So bestätigt zu werden und mit ihnen kurz auf Tour zu sein, war wirklich ein Erlebnis.

"Krone": Synthie-Pop mit Hang zur Elektronik gehörte in den letzten Jahren nicht unbedingt zu den "coolsten" Spielarten, erfreut sich aber wieder steigender Beliebtheit. Woran liegt das?
Doherty: Da ist schwer zu sagen, aber es liegt zu einem großen Teil sicher auch daran, dass die Menschen heute viele verschiedene Zugänge haben, um ihre Lieblingsmusik schnell und unkompliziert zu finden. Die Zeiten, wo der Konsument etwas vorgeworfen bekommen hat, sind vorbei. Das hat natürlich hauptsächlich mit der allgemeinen Online-Offensive zu tun. Zudem kam die Musik schon immer in Wellen und momentan scheint es der elektronischen Bewegung wieder sehr gut zu gehen. Davon profitieren auch wir. Wir bekamen von Anfang an sehr gutes Feedback auf unsere Songs und so haben sich diese oft von selbst verbreitet.

"Krone": Stimmt es, dass du den Begriff Pop nicht gerne in Verbindung mit Chvrches hörst?
Doherty: Ich würde nicht sagen, dass ich es schlecht finde, denn im Endeffekt liegt das im Auge des Betrachters. Mit Pop verbindest du Songs, die im Radio stattfinden. Natürlich sind wir in diesem Sinne auch Pop, denn wir wollen ja auch im Radio gespielt und von so vielen Menschen wie möglich gehört werden. Aber auf der anderen Seite bedeutet Pop für mich auch, dass sich alle Künstler gleich kleiden und alles auf der Bühne durchchoreografiert ist. Wir sind einfach ein Haufen junger Leute, die genau das machen, was sie sich in den Kopf gesetzt haben, und dabei keine Abstriche machen.

"Krone": Ist das Internet eigentlich Fluch oder Segen für euch? Einerseits habt ihr durch das Netz die Bekanntheit erlangt, die ihr eben habt, andererseits kämpft ihr schon länger gegen sexuell angriffige Kommentare gegen eure Sängerin Lauren Mayberry, die dort anonym abgesondert werden. Ihr habt auch schon ein Gegenstatement auf eurer Facebook-Seite veröffentlicht.
Doherty: Das Thema haben wir mittlerweile abgehakt und ich will auch gar nicht mehr so viel darüber sagen. Das Internet an sich ist für uns natürlich eine absolut positive Plattform und die bösen Stimmen kommen von einer ganz kleinen Minderheit. Das ist auch ein bisschen ein Spiegelbild der heutigen Gesellschaft. Unter dem Deckmantel der Anonymität sagen Menschen hässliche und unnötige Dinge, die sie sonst nie sagen trauen würden. Das ist natürlich traurig, aber wir hätten andererseits auch niemals die Möglichkeit gehabt, eine so große Anzahl von Menschen auf uns aufmerksam zu machen.

"Krone": Gerade elektronische Künstler lieben es, ihre Songs zu basteln und dann wieder um zu arrangieren. Macht euch das genauso viel Spaß?
Doherty: Das stimmt schon so. Ich liebe es, im Studio zu sitzen, an neuen Melodien und Songs zu basteln und die Ideen immer wieder durcheinanderzuwirbeln. An "The Bones Of What You Believe" haben wir etwa neun Monate geschraubt und ich denke es gibt viele Bands, die noch viel länger für ein Album brauchen.

"Krone": Auffällig bei euch ist der regelmäßige Kontakt zu euren Fans. Ist das im heutigen Zeitalter ein absolutes Muss?
Doherty: Das ist natürlich wahnsinnig wichtig, schließlich hängt dieser Kontakt auch mit dem Internet zusammen, das uns den großen Durchbruch beschert hat. Größtenteils kommunizieren wir mit den Leuten über die Social-Media-Kanäle, achten aber besonders darauf, keine persönlichen oder privaten Dinge in Umlauf zu bringen.

"Krone": Postet ihr all die Einträge und Antworten immer noch selbst?
Doherty: Ja, auf jeden Fall. Es gab noch keine Situation, in der wir uns überlegt hätten, das auszulagern, weil wir so damit begonnen haben und das auch allen schulden, es weiter zu betreiben und ernst zu nehmen. Wir haben vom ersten Tag an einen direkten Link zu den Menschen gehabt, die unsere Musik gehört haben, und das werden wir in jedem Fall auch weiterführen.

"Krone": Alle drei Chvrches-Mitglieder sind schon seit vielen Jahren im Musikgeschäft und haben sich schon in verschiedensten Projekten versucht. Hast du dir jemals gedacht, so erfolgreich durchstarten zu können?
Doherty: Natürlich war immer die Intention da, mit der eigenen Musik möglichst bekannt zu werden, aber die en damals einen Manager und sonst gar nichts. Es ist bei uns nicht so, dass ein paar Kids sich zusammengesetzt haben und plötzlich den großen Durchbruch schafften, sondern wir haben uns immer darauf konzentriert, wirklich gute Songs zu schreiben und niemals aufzugeben. Wir haben uns den Erfolg also durchaus hart erarbeitet.

"Krone": Ihr tourt derzeit sehr fleißig durch Europa, Österreich ist aber noch nicht am Schirm. Wann können wir mit euch rechnen?
Doherty: Im März sind wir jedenfalls wieder großflächig in Europa unterwegs. Ich kann es nicht zu 100 Prozent sagen, aber ich hoffe schon stark, dass sich auch ein Ausflug nach Österreich ausgehen wird. Ich habe hier bei euch schon öfters gespielt und ausschließlich gute Erinnerungen. Lass uns mal abwarten.

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