Fr, 15. Dezember 2017

Türkei im Wandel

27.09.2013 09:18

Erdogans Drei-Kind-Politik: Einfallstor für Armut

Die Türkei galt jahrelang als "Tigerstaat" unter den aufstrebenden Ökonomien und als Eldorado für ausländische Investoren. Doch die neoliberale Wirtschaftspolitik der AKP-Regierung hat die Schere zwischen Arm und Reich in der Bevölkerung nicht verringert. Kinderreichtum ist dabei eines der größten Armutsrisiken, wie aktuelle Statistiken belegen. Premier Recep Tayyip Erdogans Forderung nach mindestens drei zu gebärenden Kindern pro Frau führt für viele direkt in die Armut.

Die Schere zwischen Arm und Reich in der Türkei ist in den vergangenen Jahren trotz des Wirtschaftsbooms unverändert hoch geblieben. Die Einkommen des reichsten Fünftels der Bevölkerung lagen 2012 um ein Achtfaches höher als die der ärmsten Einkommensschichten. Für mehr als die Hälfte der türkischen Bevölkerung gehört der finanzielle Überlebenskampf zum Alltag.

Laut der Zeitung "Milliyet" waren im August des vergangenen Jahres 7,8 der rund 76 Millionen Einwohner in der Türkei auf die sogenannte Yesil-Kart angewiesen. Diese ermöglicht armen Familien die kostenlose Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen des Staates, da sich ihre Bezieher aufgrund zu geringer Einkommen keine Krankenversicherung leisten können.

Etwa zwölf Millionen Menschen lebten 2012 in der Türkei weiterhin unter der Armutsgrenze. Analphabetismus, geringe Schulbildung und Kinderreichtum lässt das Armutsrisiko vor allem in den ländlichen Gebieten in die Höhe schnellen. Zwar haben sich die durchschnittlichen jährlichen Haushaltseinkommen seit 2009 statistisch gesehen deutlich erhöht, mit der Anzahl der Kinder steigt aber auch das Armutsrisiko der Familien gravierend.

Südostanatolien als ärmste Region
Südostanatolien bleibt weiterhin der Brennpunkt der Armut. Die vorrangig kurdischen Gebiete im Südosten haben mit 5.870 Lira (rund 2.150 Euro) jährlich das niedrigste Durchschnittseinkommen pro Haushalt und eine der höchsten Geburtenraten in der Türkei. Im Vergleich betrug das äquivalente durchschnittliche Haushaltseinkommen einer türkischen Familie im Vorjahr laut dem staatlichen türkischen Statistikamt TUIK 11.859 Lira (etwa 4.345 Euro).

Nach aktuellen Berechnungen der türkischen Gewerkschaft Türk-Is lag die Grenze zum Überleben für eine vierköpfige Familie im September dieses Jahres aber bei 1.032 Lira (rund 378 Euro) monatlich. Diese sogenannte Hungergrenze ist der benötigte Minimalbetrag, um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Die Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie liegt mit 3.361 Lira (etwa 1.232 Euro) pro Monat ungleich höher.

Erdogan hält an Drei-Kind-Politik fest
Ungeachtet der Tatsache, dass ein Kindersegen für türkische Familien zur Armutsfalle gerät, setzt Erdogan seinen ideologischen Propagandafeldzug für mehr Kinder fort. Erst im August hat der Ministerpräsident die Türkinnen neuerlich dazu aufgefordert, mindestens drei Kinder zu gebären. Zur Sicherung künftiger Pensionen drängt die staatliche türkische Sozialversicherungsanstalt SGK sogar auf fünf Kinder pro Familie.

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