So, 17. Dezember 2017

Wilderer-Drama in NÖ

22.09.2013 08:13

Attackierter Jäger: "War Kampf auf Leben und Tod"

Sie waren Jagdkameraden und Reviernachbarn, dennoch wollte der vierfache Mörder Alois Huber seinen Freund töten. Der heute 57-jährige Karl Zöchinger hatte Huber 2011 im Revier beim Wildern aufgescheucht. Huber versuchte daraufhin, den Familienvater mit einem Messer zu erstechen. An den Folgen des Mordversuchs leidet das Opfer noch immer. Dass der Täter sein eigener Freund war, weiß er erst heute. Jetzt spricht das erste Opfer des 55-Jährigen exklusiv in der "Krone".

"Ich werde dieses schreckliche Ereignis nie mehr aus meinem Kopf bekommen können", sagt Karl Zöchinger zunächst ganz leise. Doch dann brechen die ganze Fassungslosigkeit, das Entsetzen, dass sein eigener Jagdkamerad ihn töten wollte, aus ihm heraus.

Wie viele Male zuvor war der Familienvater am 26. Oktober 2011 ins Revier gefahren, um nach dem Wild zu sehen, vielleicht auch einen Schuss anzubringen - vor allem aber, um zu hegen. Doch dann eskalierte die Situation, wie es sich der passionierte Waidmann in seinen schlimmsten Albträumen nie hätte vorstellen können.

"Faustschlag schlug ein wie ein Blitz"
"Ich hab' diesen grünen Toyota gesehen. Der Wagen stand knapp zum Wald hin versteckt geparkt", erinnert sich Zöchinger. Anfangs wollte er die Polizei alarmieren, doch dann sah er davon ab: "Das hätte ja auch ein Liebespaar sein können. Oder ein Jäger, der seinen Rausch ausschläft." Ehe er sich Gewissheit verschaffen konnte, wurde der 57-Jährige vom bulligen Jäger zum hilflosen Opfer, das an diesem Morgen um sein Leben kämpfen musste.

Denn plötzlich riss ein mit Wollhaube Maskierter die Tür seines Geländewagens auf und schlug ihm ins Gesicht. "Der Faustschlag hat wie ein Blitz in meinem Schädel eingeschlagen", berichtet der 57-Jährige. Das aber war erst der Beginn des Martyriums, denn im Morgengrauen entbrannte im Wald "ein Kampf auf Leben und Tod", wie es Karl Zöchinger beschreibt. Er erinnert sich an das Mostviertler Wilderer-Drama, als wäre es erst vor Kurzem geschehen: "Der Alois, von dem ich damals ja noch nicht wusste, dass er es war, hat mich über den Asphalt des Weges gezerrt. Die Kleidung war nachher ganz löchrig. Und er hat immer wieder mit voller Wucht auf mich hingetreten."

"Der wollte mich abstechen"
In Todesangst gelang es Zöchinger, den Maskierten zu Fall zu bringen - der ließ aber nicht von ihm ab. Im Dämmerlicht sah Zöchinger plötzlich, wie der Angreifer ein Messer zückte. "Der wollte mich abstechen", ist er überzeugt.

Einen Augenblick später war der Spuk jedoch vorbei. Wohl aufgrund der heftigen Gegenwehr ließ der Maskierte von seinem Opfer ab, sprang in seinen Toyota, verharrte dort noch keuchend am Lenkrad. Das Messer hielt er in der rechten Hand umklammert. Dann gab er Gas und verschwand. Zöchinger blieb blutend, mit zerfetzter Kleidung und schwer verletzt sitzen: "Ich hab' nur überlebt, weil ich auch so kräftig war."

Huber: "Wer weiß, Karl, vielleicht war ich es wirklich"
Warum der Täter trotz der (etwas spät in die Gänge gekommenen) Fahndung entwischen konnte, ist heute klar: Vom Schauplatz des Mordversuchs bis zum Waffenbunker in Großpriel sind es nur wenige Minuten. Bald schon hegte Karl Zöchinger einen ersten Verdacht. "Da hat ja alles zusammengepasst. Der Toyota, die fehlende Heckscheibe, aus der der Lois immer seinen Hund rausspringen ließ - und auch die Statur. Und dann hat er mich nach dem Überfall angerufen und wollte mir Holz verkaufen", erzählt der 57-Jährige. Er konfrontierte seinen Kameraden sogar damit: "Doch der hat gelacht und gesagt: 'Wer weiß, Karl, vielleicht war ich es wirklich'."

Diese lockere Aussage überzeugte den 57-Jährigen damals von der Unschuld des 55-Jährigen. Er ließ die Sache auf sich beruhen. Bis sich jetzt auf so schreckliche Weise die Ereignisse überschlugen.

"Alles läuft wie ein Film ab"
Heute geht es Karl Zöchinger fast so schlecht wie damals. Die Albträume sind wieder da. Huber hatte sein Opfer zum psychischen Wrack gemacht. "Alles läuft wie ein Film ab. Ich hab' mich ein Jahr lang nicht ins Revier getraut. Die Knieverletzung ist nicht mehr gut geworden." Was ihn aber am meisten bedrückt: "Du sitzt mit einem Freund am Tisch, bist gemeinsam mit ihm am Schießstand, schaust ihm in die Augen. Dabei wollte der dich kurz zuvor umbringen."

Immerhin: Karl Zöchinger lebt noch. Und dafür ist er dankbar. Denn er wäre um ein Haar das erste Todesopfer des Wilderers von Großpriel geworden.

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