Di, 24. Oktober 2017

"Na do schau her!"

17.09.2013 11:30

Facebook und Co. verleiten zu mehr Dialekt

Von den Tiroler Bergen nach Australien oder von Wien-Favoriten nach Stockholm: Funktioniert der Handy- oder Internetempfang, ist die Kommunikation dank SMS, Messenger oder Chat jederzeit möglich. Das wirkt sich auch auf die Art der verwendeten Sprache aus, erklärt der Wiener Sprachwissenschafter Manfred Glauninger: "Die Kommunikation ohne Zeitverzögerung führt zu einer gefühlten Nähe. Die Sprache wird mündlicher und damit auch dialektaler."

"Das ist ein Phänomen, das es bisher in dieser Form noch nicht gegeben hat", meint Glauninger, der am Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie am Institut für Germanistik der Universität Wien arbeitet. Die schriftliche Kommunikation in den digitalen Medien weist sowohl vom Aufbau der Sätze, aber auch im Wortschatz deutliche umgangssprachliche Züge auf. "Die Menschen haben den Eindruck, dass sie miteinander sprechen, und vergessen manchmal, dass sie eigentlich schreiben", so der Wissenschaftler.

Zudem befänden sich die Kommunikationspartner – vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter – in unendlichen Kommunikationsschleifen. "Wie auch in einem direkten Gespräch begrüßt und verabschiedet man sich gar nicht mehr, sondern reiht einfach Nachricht an Nachricht." Die Antwort kommt meist sofort. Schnelligkeit und Gleichzeitigkeit vermitteln Nähe und verleiten so zusätzlich zum Einsatz dialektnaher Formen. Denn auch die Konzeption der Texte ist eine ganz andere, auf schnelle Rezeption ausgerichtete.

Traditionelles West-Ost-Gefälle
"Dialekt ist für die meisten Österreicher immer noch die Sprachform der Nähe, die man im Umkreis von Familie und Freunden verwendet", erklärt Glauninger. Besonders stark ist die Verwendung von Dialekt in SMS oder Facebook-Nachrichten im Westen Österreichs. "Es gibt beim Dialekt traditionell ein West-Ost-Gefälle", so der Forscher. Während etwa in Tirol oder Vorarlberg Kinder und Jugendliche im Alltag meist noch durchgehend im Dialekt kommunizieren, ist das in Wien die Ausnahme. "Wiener Jugendliche bleiben möglichst nahe an der Hochsprache und verwenden nur einzelne dialektale Ausdrücke", sagt Glauninger.

Dialekt lange Zeit stigmatisiert
Einer der Gründe dafür sei die lange Stigmatisierung des Dialekts als Sprachform der Wiener Unterschicht. "Um sozialen Aufstieg zu ermöglichen und zu signalisieren, verzichtete man zunehmend auf Dialekt. Auch mit Kleinkindern wird möglichst hochsprachlich gesprochen." Die österreichische Hauptstadt ist allerdings auch das beste Beispiel für die Ambivalenz im Umgang mit Dialekt: Überall dort, wo Dialekt wenig mit der Realität zu tun hat – vom Wienerlied bis zum Altwiener Caféhaus – ist eine romantisierte und idealisierte Form durchaus erwünscht und zugelassen. Nicht umsonst können Touristen geführt von der fiktiven Wiener Figur Edmund "Mundl" Sackbauer einmal um den Ring fahren.

Smartphone und Co. überwinden natürliche Sprachbarrieren
Spannend bleibt, wie sich die ständige Erreichbarkeit in Zukunft auf den Dialekt auswirken wird. "Früher gab es natürliche Sprachbarrieren wie etwa Gebirge", schildert Glauninger. Isolierte Dörfer oder Täler waren lange sprachlich völlig unbeeinflusst von anderen Sprachformen. Spätestens das Smartphone hat dem ein Ende gesetzt.

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