So, 17. Dezember 2017

Hütter zu krone.at

13.09.2013 09:47

"Mit nem 4-4-2 wie vor 20 Jahren reißt' nix mehr"

Nein, dass auf den Dressen seiner Spieler ganz groß "Die Altmetall-Profis" prangt, hat nichts damit zu tun, dass sie derzeit in der Bundesliga ihre Gegner oft wie Altmetall aussehen lassen – das hängt nur mit dem Sponsor des SV Grödig unter Adi Hütter zusammen. Wieso ihm alleine die Nennung des Begriffs "Kick-&-Rush" beinahe schon Schmerzen bereitet, was der aktuelle Fußball mit Kinderfußball zu tun hat und ob er sich als "Fitzcarraldo" des heimischen Kicks sieht, dazu gab er krone.at eine aufschlussreiche Taktik-Lehrstunde.

krone.at: Gleich vorweg muss ich Sie direkt rügen: Da will man eine Geschichte über den Erfolgslauf von Grödig schreiben, doch dann geht das jüngste Spiel gegen Neustadt daneben und Sie verlieren daheim mit 3:6. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?
Adi Hütter: Der Erfolgslauf besteht ja weiterhin, wir liegen nach sieben Spielen mit 13 Punkten auf dem dritten Tabellenplatz, nur zwei Zähler hinter dem Ersten. Ja, wir haben das Spiel gegen Neustadt verloren, aber dass alles schief gelaufen sein soll, stimmt ja überhaupt nicht. Das Ergebnis täuscht total, wir waren, glaub' ich, die klar bessere Mannschaft. Wir haben einfach das gute Spiel, das wir gemacht haben, und die vielen Möglichkeiten, die wir vorgefunden haben, nicht in Tore umgemünzt - sonst hätte Neustadt nie gewonnen. Das Ergebnis ist noch dazu deshalb so hoch ausgefallen, weil ich am Ende mit einer Dreierkette hinten riskiert habe. Ich wollte in der Länderspielpause einfach Erster sein, für mich war es ein Selbstfaller.

krone.at: Von der nahen Vergangenheit zur weiter zurückliegenden: Wissen Sie, in welcher Liga der SV Grödig gerade spielte, als Sie mit Casino Salzburg 1993/94 Fußball-Europa auf den Kopf stellten?
Hütter: Ich denke in der letzten oder vorletzten Klasse...

krone.at: Beinahe richtig. Damals sind die Grödiger sogar in die 2. Landesliga aufgestiegen.
Hütter: Trotzdem war's noch ein weiter Weg...

krone.at: Zweifellos, seit 1993/94 hat sich einiges getan: Jetzt mischen Sie die Bundesliga mit einem Team der Namenlosen auf. Hätten Sie vor Saisonbeginn gedacht, dass sich Ihre Mannschaft ganz oben gleich so gut zurechtfinden würde?
Hütter: Dass man das nicht erwarten konnte, ist mir schon klar - so realistisch bin ich natürlich. Wünschen tut man sich immer das Bestmögliche, aber ich habe die Mannschaft in der Vorbereitung ja gesehen. Zugegeben, das erste Spiel gegen Ried hat mir nicht so gefallen, aber Ried ist auch eine gute Mannschaft. Aber in Graz hab' ich dann schon gesehen, dass mein Team die Qualität hat zu gewinnen und mit dem 7:1 gegen Admira ist dann auch das nötige Selbstvertrauen für die Spieler dazugekommen. Ganz zu schweigen vom Match gegen Red Bull Salzburg, wo wir 65 Minuten lang echten Topfußball gezeigt haben. Aber wir investieren auch sehr viel im Training, damit wir solche Spiele abliefern können.

krone.at: 15 Spielern haben Sie bisher zum Bundesligadebüt verholfen, sämtliche Spieler Ihres Kaders kommen gemeinsam auf 385 Einsätze in der Bundesliga, allein Joachim Standfest hat für den GAK, Austria und Sturm bereits 381-mal seine Knochen hingehalten. An der Erfahrung kann man den tollen Saisonstart also nicht festmachen - wird diese überschätzt?
Hütter: In manchen Situationen kann einem die Erfahrung natürlich helfen, aber ich glaube schon, dass Grödig vor allem ein Sprungbrett für Spieler sein sollte, die - sag' ich jetzt einmal - von uns in der 2. Liga und abwärts gescoutet wurden. Philipp Huspek oder Philipp Zulechner sind Beispiel für Spieler, die wir aus diesem Becken fischen, und die wir uns daher auch leisten können. Wir werden niemanden von der Austria, von Rapid, Sturm oder Salzburg abwerben können, daher müssen wir dort suchen, wo es möglich ist, wo es finanzierbar ist. Ich habe nichts gegen Spieler, die lange bei der Austria oder bei Rapid gespielt haben, aber wenn er dort hinaus läuft (deutet mit einer weiten Handbewegung auf den Platz der Untersbergarena) frag' ich mich, welche Motivation er hat, welchen Biss. Daher versuche ich einen anderen Weg zu gehen, mit Spielern, die eine andere Perspektive haben, eine andere Motivation haben. Am meisten imponiert mir an meiner Mannschaft, dass wir bei dieser Ausgangsposition von der Spielanlage her sicherlich zu den modernsten Mannschaften in Österreich gehören.

krone.at: Darauf kommen wir nachher noch zurück - aber weil Sie das Scouting ansprechen. Wie funktioniert das bei Grödig? Österreich ist ja punkto Scouting nicht auf dem höchsten Niveau...
Hütter: Naja, ich bin in der 2. Liga seit fünf Jahren als Trainer aktiv, habe mehr als 160 Spiele gemacht und war mit dem Martin Scherb von St. Pölten der dienstälteste Trainer: Alleine dadurch sind mir viele Spieler aufgefallen. Aber natürlich spricht man sich da auch ab mit Manager Christian Haas oder Co Edi Glieder ab, da tauschen wir uns super aus, da hat jeder seine eigenen Ansichten und das analysieren wir dann knallhart.

krone.at: 7:1 gegen die Admira, 4:3 gegen den WAC und 3:6 gegen Neustadt - wenn man mal vom 0:0 beim ersten Bundesligaspiel überhaupt gegen Ried absieht, gab's bisher vor allem in der Untersbergarena stets eine tolle Show. Ist diese Torhäufung Absicht oder eher ein Zeichen von Sturm und Drang des Aufsteigers?
Hütter: Da muss ich etwas dagegen sagen: Immerhin haben wir von den sieben Spielen drei zu null gespielt - 0:0 gegen Ried, 2:0 in Graz und 1:0 bei Rapid. Aber natürlich: Was mich stört, sind die drei Tore gegen den WAC, die sechs gegen Wiener Neustadt und die vier gegen Red Bull Salzburg. Da haben wir die tausendprozentige Chance aufs 2:1 nicht gemacht und im Gegenzug sind die Salzburger zum Führungstor gekommen und wir haben eine Rote bekommen. Ich habe aber trotzdem einen Stürmer eingewechselt und nicht auf Sicherheit gespielt. Ich habe halt das Risiko genommen, so bin ich halt. Um was geht es denn eigentlich? Wofür trainiere ich die ganze Woche? Unterm Strich geht es ums Gewinnen. Für das stelle ich meine Mannschaft ein, für das trainiere ich. Da kann ich nicht hergehen und nur defensiv, defensiv, defensiv denken...

krone.at: Wie sieht Ihre Idealvorstellung von dem Fußball aus, den Sie spielen lassen wollen? Ein "Kick-&-Rush" mit hohen, weiten Bällen ist es wohl eher nicht...
Hütter: Da müsste ich mich sehr dagegen wehren, wenn man unser Spiel mit "Kick-&-Rush" gleichsetzen würde. Ich hab' jetzt zwar die Statistik nicht bei der Hand, aber wir spielen ja in jedem Match viele Tormöglichkeiten heraus und das ist kein Zufall. Ich weiß, was ich trainiere, und meine Burschen zeigen das wirklich Woche für Woche am Platz. Ich habe noch kein schlechtes Match meiner Mannschaft gesehen, wo ich sage: "Das war nicht zum Anschauen, das war defensiv, orientierungslos oder sonst irgendetwas". Das habe ich nie gesehen. Das ist nicht "Kick-&-Rush", das ist ein hohes Verteidigen, den Gegner schon in seiner Hälfte beschäftigen, ihn zu schnellen und falschen Entscheidungen provozieren. Ich will von meiner Mannschaft, dass sie versucht, das Tempo zu bestimmen - das war in der Ersten Liga so und das will ich auch in der Bundesliga sehen.

krone.at: Sie haben im Laufe Ihrer Karriere bei Ihren Teams einige Trainer erlebt - gibt's welche, die Sie besonders beeindruckt haben?
Hütter: Otto Baric hat schon sehr viel weiterbringen können und sehr viel gesehen. Er mag sich jetzt nicht sonderlich mit jungen Spielern beschäftigt haben, aber seine Qualität, Spiele zu lesen, sein Charisma und seine Gabe, dich auf den Gegner perfekt einzustellen, waren schon imponierend. Auch Heribert Weber war für mich ein absoluter Toptrainer, weil er bei den Trainingsmethoden total innovativ war, schon Zonenspiele mit ein oder zwei Kontakten eingeführt hat - da hab' ich viel mitgenommen. Aber auch von einem Hans Krankl oder einem Werner Gregoritsch etwa habe ich mir einiges abschauen können.

krone.at: FM4-Mastermind Martin Blumenau hat Sie einmal als "Fitzcarraldo" bezeichnet, angelehnt an Klaus Kinskis Darstellung eines visionären Operngründers mitten im Dschungel - wie begegnen Sie Ihrem Ruf als modern denkender Trainer?
Hütter: Das Kompliment freut mich natürlich, wenn Experten - auch jetzt bei Sky - immer wieder sagen, dass unser Spiel gut zum Anschauen ist. Aber das ist kein Zufall, ich arbeite aucMannschaft spielen soll. Angelehnt daran, dass der Fußball sich grundsätzlich in der Vorwärtsverteidigung dahin entwickelt, den Gegner zu Fehlern zu zwingen und offensiv zu beschäftigen. Ein gutes Beispiel war der Pressing-Auftritt der Brasilianer im Confed-Cup-Finale gegen Spanien, immer mit Überzahl in Ballnähe. Es geht heutzutage beinahe wieder zurück in den Kinderfußball, wo man kritisiert hat: "Die rennen ja alle hinter dem Ball nach." Aber wenn ich in Ballnähe Überzahl habe, kann ich auch anpressen und den Ball gewinnen. Dann habe ich auch gleich Anspielstationen und ich mach's dem Gegner wahnsinnig schwer, wenn ich noch dazu ganz schnell in die Spitze spiele. Und warum? Weil der Gegner ja im Spielaufbau relativ breit macht und unorganisiert ist – und für Fehler anfällig ist. Und zum Ballerobern braucht man jetzt, glaube ich, nicht die Topspieler, die brauchst du dann, wenn du den Ball gewinnst und wieder kreativ werden musst. Dann kommen schon die Qualität und die technische Fertigkeit zum Tragen.

krone.at: Ohne dass ich Sie jetzt zu irgendeinem bösen Wort über die Trainerzunft in Österreich treiben möchte, aber um auf dieses Bild von diesem visionären Operngründer im Dschungel zurückzukommen - glauben Sie, dass es in Österreich tatsächlich so ein Dschungel ist und dass man den modernen Zugängen zu skeptisch begegnet?
Hütter: Der Fußball von heute ist ein anderer als der von vor 20 Jahren und der war ein anderer als der von vor 40 Jahren. Wir leben in der Gegenwart und man muss sich immer fragen: "Wo entwickelt sich der Fußball hin?" Wenn ich heute ein 4-4-2 spiele wie vor 20 Jahren, mit viel Passivität und viel Verschieben in die Breite, reiß' ich gar nichts mehr. Das muss man ganz klar sagen. Viele versteifen sich auch immer wieder auf das System, aber wenn ich jetzt eine Elf am Platz hinstelle (stellt eine imaginäre Mannschaft auf dem Tisch auf), bin ich gespannt, ob alle die Unterschiede zwischen einem 4-2-3-1, einem 4-3-3 oder einem 4-1-4-1 erkennen. Da machen sich viele zu wichtig. Für mich ist entscheidend: Wie ist die Spielanlage? Was machst du bei Ballbesitz? Was machst du bei Ballbesitz des Gegners? Wenn ich heute mit dem Flugzeug während eines Spiels drüberflieg', dann weiß ich nicht, ob einer sieht ob das ein 4-4-2 oder ein 4-1-4-1 oder eine 4-3-3, das sieht kein Mensch.

krone.at: Wie groß ist Ihr eigener Anteil am Erfolg des SV Grödig? Immerhin entwickelte sich der Klub erst ab Ihrem Amtsantritt vom Erste-Liga-Nachzügler/-Mittelständler zum Aufsteiger in die Bundesliga...
Hütter: Über mich rede ich jetzt nicht gerne, da sollten wir lieber andere sprechen lassen. Ich weiß, was ich tue, ich weiß, wo meine Stärken und genauso, wo meine Schwächen sind.

krone.at: Themenwechsel: Im Mai 1994 haben Sie mit Casino Salzburg im UEFA-Cup-Finalrückspiel bei Inter Mailand vor rund 80.300 Zuschauern gespielt, in Grödig müssen Sie mit etwa einem Achtzigstel dieser Menge auf den Rängen auskommen. Frustriert Sie der fehlende Zuschauerzuspruch in Grödig gar nicht?
Hütter: Natürlich würde ich mir für die Mannschaft wünschen, dass mehr Zuschauer kommen, weil sie es einfach verdient hätten. Aber das ist eine Sache, mit der ich mich gar nicht beschäftige, weil ich das nicht beeinflussen kann. Vielleicht muss das Ganze ein bisschen wachsen und man muss ein bisschen Zeit und Geduld haben - zuletzt waren auch schon sehr viele Grödig-Fans in Salzburg oder auch in Wien mit dabei, von daher habe ich ein gutes Gefühl. Wenn ich da unten stehe am Spielfeld, dann schaue ich grundsätzlich sowieso nicht darauf, was rundherum passiert, sondern konzentriere mich auf meine Mannschaft. Frustrierend ist es aber auf keinen Fall.

krone.at: Der zahlenmäßig geringe Zuspruch der eigenen Fans ist das eine, der fehlende Zuspruch der Sportöffentlichkeit und teilweise der anderen Teams ist etwas anderes: Bekümmert es Sie, dass Grödig beinahe als Peinlichkeit für die Bundesliga dargestellt wurde/wird?
Hütter: Peinlichkeit würde ich jetzt nicht sagen - und inzwischen, glaube ich, dass viele begeistert davon sind, wie wir Fußball spielen. Sicher, nicht wenige wollen den GAK in der Bundesliga haben oder den LASK, das ist schon alles klar. Aber ich stelle mir dann immer die Frage: "Warum sind sie denn nicht oben?" Stattdessen haut man auf die hin, die sportlich und wirtschaftlich gut arbeiten. Die werden dann auch noch verhöhnt und beinahe angepöbelt, nur weil vielleicht woanders die Hausaufgaben nicht gemacht werden.

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